Heidelberg
Er wachte auf.
Es war dunkel draußen.
Ein müdes Gesicht starrte ihn an.
Es war sein eigenes. Die Scheibe reflektierte.
Er saß in einem Reisebus nach Heidelberg. Heidelberg.
Er wachte auf.
Es war dunkel draußen.
Ein müdes Gesicht starrte ihn an.
Es war sein eigenes. Die Scheibe reflektierte.
Er saß in einem Reisebus nach Heidelberg. Heidelberg.
Nach langer Zeit habe ich mich mal wieder auf eine Bühne gesetzt und Texte von mir gelesen. Sollte sich das einer anhören wollen, so kann er das hier.
Eigentlich wollte ich ganz neue Stücke lesen und dann auch gleich ganz viele und dann habe ich nicht einen geschrieben. So kann es gehen. Deshalb habe ich alte, sehr alte Stücke gewählt und versucht diese umzusetzen. Das ist mir nur teilweise gelungen und meine Stimme klingt bestimmt nicht so. Bestimmt nicht.
Naja, hört selbst. Genug der Koketterie:
1. Kontrollverlust Mash-Up (Phase eins)
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2. Kontrollverlust Mash-Up (Phase zwei)
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3. Ein halber Rentner, ein ganzer Kerl und der kleine Spinner
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5. Die Motivation einer weitgehende Beziehung
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Insgesamt war das eine schöne Veranstaltung. Alle Texte, aller Lesung kann und sollte man bei nachhören.
Es regnet.
Und anders
als man
denken könnte
wäscht der
Regen
nicht den
Schmutz
von den
Strassen. Weiterlesen »
Wir nähern uns der Tür. Meine Hand leicht an ihrem Rücken. Ihn im Schlepptau. Er ist nett, aber jung und zu durchmischt im Kopf. Und in der Kleidung. Ich habe mir kurz überlegt, ob er mit soll. Aber wieso nicht? Er ist ein Freund von ihr. Lass es das Schicksal machen.
Denn ich kenne derzeit niemanden mehr an der Tür. Hasse es, anzurufen wegen Listungen „plus 1“. Aber lass uns einfach sehen. Die wichtigen Namen habe ich ja zum Fallenlassen.
Und da ist die Schlange vor der Tür. Ungeordnet, denn hier versteht jeder sofort, dass es keinen Automatismus gibt. Man steht und wartet auf Augenkontakt.
Ich ziehe sie sanft am Ellenbogen zu mir, rücke vor in den Raum. Den Mantel hat sie sich wohl geliehen, denn sie hatte Sommer erwartet bei mir. Er ist leicht zu groß, aber sie hat es geschickt kaschiert mit dem Seidentuch, über das lang ihre Haare fallen. Sie wirkt wie aus einem Bild. Schwarzweiß und etwas zu bohemien für ihr Alter. Großartig. Und wir scheinen zusammen. Lassen die anderen zurück, die die Schultern durchdrücken, um sich cool zu verkrampfen.
Und das sehen auch die, die es sollen, und nehmen uns auf. Auch ihn, den wir mitziehen, obwohl er hier nicht schwimmen kann. Ich sage, dass er zu uns gehört. Ruhig. Riskiere es. Und es wirkt.
Und dann sind wir innen. Werden aufgesaugt und es wird wärmer, denn ich kenne Leute. Werde begrüßt und öffne uns Wege. Und sie ist hinter mir, strahlt mich an und will meine Nähe. Die Beats hüllen uns ein und wir beginnen zu tanzen. Der Rest, die Verstrahlten, die zu sehr gestylten, zu tätowierten Typen, die zu dünnen kalten Models am Rande der Tanzfläche - sie alle verschwinden.
Wir vergessen sie. Es wird ein perfekter Abend werden. Ich werde ihn perfekt machen für sie. Ich flüstere ihr etwas ins Ohr, das sie strahlen läßt. Sie legt ihre Arme um meinen Nacken und drückt sich schwingend an mich. Liegt in meinen Augen. Wodkaselig.
Heute ist ihr Tag. Ihr Namenstag.
Ich weiß es nicht. Wie lange noch? 15:30. O.K. noch dreieinhalb Stunden, dann nachhause, später noch Cookies vielleicht. Erst den Text über das neue Nokia N76 fertig machen, die schalten eine Anzeige. Spiegel-online RSS-Feed: In England fast Leute in die Luft gesprengt, Marokko Terrorwarnung, Islamabad kämpfen bis zum Tod, fit fürs Digitale Zeitalter. E-Mails checken. Es piept, R. schreibt auf Skype. Ich verstehe nicht, warum der nicht aufhört es zu probieren. Ich gehe eine rauchen.
>>hey, alles gut bei dir? später essen?
>>cheers. R.
Ich habe den auf irgendeiner Vernissage kennen gelernt. Seitdem Ficken wir manchmal. Es ist nicht so toll, aber ich mag ihn und manchmal habe ich abends sonst nichts vor.
Mit zwölf Jahren träumte ich davon, dass meine zukünftige Frau etwas Besonderes habe. Nicht so wie ich, ein seit Generationen Deutscher, ein Mittelstandskind, ein Kleinstadtjunge, ein durchschnittlicher Gymnasiast, ein passabler Läufer und Gelbgurtkaratega. Das Schicksal sollte mir eine Frau bescheren, von der ich im Freundeskreis sagen konnte, dass ihre Geschichte einmalig sei, dass ihre Herkunft fern und die Umstände mysteriös und unbekannt. Ich definierte einen maximalen Altersabstand von acht Jahren, denn vor meinem dreißigsten Lebensjahr wollte ich nicht heiraten. Zunächst noch etwas jung, aber die Zukunft bildete sich schon klar vor mir ab. Ich las die Zeitung und fragte mich bei der täglichen Lektüre, ob sie wohl das sei: Die einzige Überlebende des Unfalls im Nachbarort, ein weinendes Kind in der Reportage über Tschernobyl oder Seveso, vielleicht wäre sie mit einem Boot aus Vietnam oder Kambodscha geflohen und von einem nigerianischen Tanker aufgefischt worden, ihre Eltern hätten mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen können, ein Mädchen vielleicht mit Roma-schwedischen Wurzeln oder ihr Vater könnte doch Häuptling irgendwo in Afrika sein, vielleicht wäre sie auch eines der ersten Retortenbaby oder die Schönheitskönigin der unter 7-Jährigen in Grand Rapids, Michigan, oder sie stammte von den Kapverden, aus Tonga oder Trinidad, ihr Großvater könnte als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen hingerichtet oder ein adeliger Freiheitskämpfer sein, ein Soldat, der bei der Erstürmung am D-Day teilgenommen hätte, natürlich auf Seiten der Alliierten, wenigstens ein Industriellenkind in der vierten Generation oder ein Nachfahre von Thomas Mann. Als ich dreizehn wurde zog ein hübsches Mädchen ins Nachbarhaus. Sie wurde meine Freundin, denn sie war verfügbar. Bis dreißig war ja auch noch ziemlich lange hin.
Es gab nur eine Stadt die es für mich unter dem Sternenbanner zu entdecken galt und bei ihr habe ich fast nur bekanntes gefunden. Die gleichen Menschen, die gleiche Musik, die gleichen Klamotten, die gleichen Cafés. sind überall gleich.
Und mein Berlin.
Nennen wir sie Silke.
Silke steht ein wenig krumm. Die Türkin ist kleiner als sie — und dicker. Alle sind dicker hier.
Die Türkin sagt: “Die Beilage haben wir immer hier rechts. Links das Fleisch. Und dahinten den Fisch. Aber nur mittwochs und freitags.”
Silke trägt noch keine Kittelschürze. “Für dich müssen wir erst einmal eine finden”, hat die Türkin gesagt. Und so, in Jeans und Top und mit offenem Haar, sieht Silke aus, als hätte sie sich aus einer der Agenturen hierher verirrt. Zu groß, zu blond, zu hübsch.
Sie denkt an den Junior. Sie denkt an heute morgen, an ihre Fahrt durch den Park. Es hatte endlich geregnet über Nacht, und es hat nach feuchtem Sandstaub gerochen.
Für den Junior war es ein Morgen wie jeder andere. Doch für Silke nicht. Sie war nicht umgekehrt und nach Hause zurückgefahren. Sie war hierhergekommen.
Silke folgt der Türkin. “Umkleideraum. Wenn du endlich deine Schürze hast, kannst du dich hier umziehen.” Weiter. “Die Küche. Hier hat Herr Jennisch das Sagen. Denkt er!” Die Türkin grinst, und Silke weiß, dass sie auch grinsen muss.
Zurück zur Essensausgabe. Eine halbe Stunde noch, dann machen sie auf. Später wird Silke spülen müssen. Ihren iPod hat sie mitgebracht. Wenn sie schon nicht üben kann, will sie wenigstens ihre Lieder hören.
Über die leeren Tische und Stühle hinweg kann man in den Garten sehen. Draußen dampft es ein bisschen.
Hinter sich hört Silke die Türkin rufen: “Die hier! Die hier müsste dir passen.”
Geruch ist Futter für die Seele.
Mal Fünf-Gänge-Menu deluxe und mal Pommes Mayo.
Und eben auch mal verschimmelter Blaubeerjoghurt.
Wie heute morgen in der Bahn.
Meine Seele hat das anschließend wieder erbrochen.
Aber ich weiß nicht wohin.
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