Abzählreime.

August 25th, 2008

Man müsste es wie die Chinesen machen, denke ich. Die Chinesen sind auf der Gewinnerstraße. Dieses riesige Reich mit seinen Milliarden Menschen schafft 51 mal Gold und wir deutschen Leistungsverweigerer nur 16. Gut, Allesschönredner könnten jetzt die Sache mit den Menschenrechten, oder die Bevölkerungsanzahl mit der Anzahl der teilnehmenden Arzneimittellabore in Beziehung setzen,  und dann wäre das ja für Deutschland auch kein schlechter Schnitt, aber im Grunde, und da muss man kein Pharmakologe sein, sind wir doch nur schlechteres Mittelmaß, vor allem in der Pharmakologie. Da fehlt es uns an Konsequenz. Jugendförderung heißt in China Kasernierung und bei uns „e.V.“ Dabei gibt es so viele Parallelen. Auch bei uns hat man die besten Chancen im Sport erfolgreich zu sein, wenn man den Streitmächten beitritt. Sportsoldaten falten nicht nur fabulös die Fahnen der Siegerehrung, sondern verteidigen Deutschland auch auf der Zielgeraden. Und da hilft auch kein verstörter Zwischenruf Béla Réthys bei der Abschlussveranstaltung, dass das ja mit den chinesischen Soldaten gar nicht ginge und irgendwie ja auch nicht zum olympischen Geist passt, wenn man weiß, dass die sympathische deutschen Sportler dort unten nicht nur um die beste Zeit kanuten, sondern im nächsten Moment den spockschen Todesgriff aus dem Ärmel zaubern könnten, den sie bei einer dreitägigen Nahkampfausbildung tief im Hinterland des Natoverbündeten Tschechien gelernt haben. Siegen für das Vaterland.
Man müsste es also wie die Chinesen machen, denke ich, dann wäre vielleicht vieles leichter. Acht Tage in der Woche treffe ich Entscheidungen, meistens für mich allein und kann nicht loslassen, weil die Gedanken kreisen. Und wenn es mir möglich wäre einen altgedienten Chinesenturntrainer zu engagieren, der das Entscheiden für mich übernimmt, ich denke, ich würde es tun. Oder nicht?

Engelchen, Teufelchen, Kopf oder Zahl, rechte und linke Hand, Pro und Contra, ja und nein, im schlimmsten Fall ein „vielleicht“ – wie heilsam wären da Worte, wie „jawohl, sofort und jippiejahey“. Die eigene kleine Diktatur würde mich nicht verschlafen, nichts aufschieben und überhaupt keinen Zweifel lassen. Ich habe ein außerordentlich beschissenes Karma und muss in einem vorherigen Leben eine unglaubliche Nervensäge gewesen sein, denn meine Seele ist ein Basisdemokrat. Die permanente Larmoyanz dieses Typen geht mir wahnsinnig auf den Zeiger. Aber ab jetzt wird mit harter Hand durchregiert. Vertrau mir, ich weiß was gut für dich ist! Ich erfülle den Fünfjahresplan schon in einem Jahr! Mehr Parole braucht mein Leben!

Im Moment muss ich aber gar nichts entscheiden. Absolut gar nichts. Null. Im Moment bin ich in so viele kalte Wasser gesprungen und je länger ich darin schwimme, desto wohler fühlt sich mein Körper im Sich-treiben-lassen-Modus. Wenn ich mir jetzt vorstellen würde, der Chinesenturntrainer würde am Beckenrand stehen und mich motivierend zusammen schreien, ich denke, ich würde ihn schreien lassen, bis er platzt. Damit würde er das ganze Schwimmbad einsauen und ich würde seine Fetzen einfach antrocknen und mich dadurch schon gar nicht stören lassen.

Raum und Zeit sind mir gerade, in diesem Moment, in diesem Wasser verhasste Konzepte, denn es wird wohl nicht ewig so weiter gehen. Meine Finger sind schon schrumpelig und aus dem Badereifen mit Cuba-Libre-Glas Feststellfunktion entweicht Luft. Ich sollte an den Rand paddeln, mich warm abduschen, mit einem etwas zu hartem Frotteehandtuch die Nässe von der Haut nehmen und mir einen neuen Chinesen suchen. Einer der nicht gleich explodiert, wenn man ihm ein wenig Paroli bietet. Ich lass mich doch nicht anschreien, aber darüber reden können wir gern.

Mathias Richel



Nichthören

Februar 7th, 2008

Kinder sind beneidenswerte Geschöpfe. Und damit meine ich nicht, dass sie keine Steuern zahlen. Nein, Sie haben die kostbare Gabe, einfach nicht zu hören. Von wegen hier rein, da raus – es gibt erst gar kein rein! Friedlich-versonnen spielen sie einfach weiter und ignorieren alles, was du sagst, mit natürlicher Inbrunst. Kein Zweifel: Irgendwie stellt meine Tochter mich auf ganz leise.

Nach der Recherche umfangreicher Fachliteratur weiß ich, dass Säuglinge gleichzeitig Atmen und Trinken können. Irgendwann wächst sich das aber aus. Mit dem Nichthören muss es ähnlich sein: Denn später fangen sie an, sich die Ohren zuzuhalten und ganz laut „LALALALALALALAICHKANNDICHGARNICHTHÖREN!“ (oder ähnliches) zu rufen. Oder rennen einfach weg.

Ich weiß es jetzt schon. Ich werde es vermissen, so liebevoll und geduldig nicht gehört zu werden.

Johann Kuchenbuch



Ursphalt

Januar 21st, 2008

Es regnet.
Und anders
als man
denken könnte
wäscht der
Regen
nicht den
Schmutz
von den
Strassen. Weiterlesen »

Paul Hofmann



Überall, nur nicht hier.

Juni 22nd, 2007

Jeden Sommer kommt es wieder um die Ecke, als hätt’s direkt dahinter gestanden und gewartet. Jeden Sommer.
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Nordvest



Suppe

Mai 22nd, 2007

Kanya sieht ihn durch das Ausgabefenster. Er bestellt sich immer etwas Scharfes mit Reis. Er geht immer zum selben Tisch, meistens allein, als einziger schmutzig, als einziger mit einem Bier. Sicher ist er Arbeiter.

Die Gäste kommen in Schüben, und zwischen den Schüben kann man rauchen oder oder einfach nur dastehen und den Schweiß abwischen. Manchmal nimmt Kanya eine Schüssel und füllt sie voll mit Suppe, mit viel Gemüse und Fleisch. Sie stiehlt sich dann an dem strengen Max vorbei und raus in den Gästeraum. Sie geht zu dem Tisch des Arbeiters und stellt ihm die Suppe hin.

“Für dich.”

Sie wartet nicht darauf, dass er antwortet. Sie dreht sich um und eilt zurück in die Küche — bevor der strenge Max etwas sagt. Sie stellt sich wieder an den Herd und beobachtet den Arbeiter. Er hat sich auf die Suppe gestürzt. Zwischen zwei Löffeln versucht er, einen Blick durchs Ausgabefenster zu erhaschen.

Aber jetzt kommt schon der nächste Schub.

Jürgen Albertsen



Am Scheideweg.

Mai 10th, 2007

Das sind Bauchschmerzen. Starke Schmerzen im Unterleib, wie sie nur von Bösartigkeit kommen können.

Ich weiß schon lange, dass es vorbei ist. Ich fühle es nicht nur, ich bin mir sicher. Ich weiß, wann es enden wird und das es dazu keine Alternative gibt. Kein: „Lass uns darüber reden!“, oder „Wir finden eine Lösung.“ Diese Lösung wird es nicht geben, denn das Ergebnis ist schon in Stein gemeißelt.

Nur du bist Ahnungslos. Du grüsst mich jeden Morgen und nimmst mich in deine Arme. In dem stillen Glauben, dass alles so ist wie immer. Ich bemühe mich, bin für dich da und freundlich. Du merkst den Unterschied nicht einmal. Vielleicht bin ich noch eine Spur netter, als sonst, nur damit du nicht merkst, dass etwas nicht stimmt.

Du malst dir Perspektiven über unsere gemeinsame Zukunft aus und erzählst permanent davon – ich nicke nur. Ich stimme dir nicht zu, aber ich gebe dir auch in keiner Weise das Gefühl, das ich anders denken könnte.

Ich mache dir etwas vor und es geht mir nicht gut dabei. Aber du hast mir auch so lange, so vieles versprochen und weniges hat dann so hingehauen. Für das meiste in unserer Beziehung musste ich mir den Arsch aufreißen, um es zu bekommen. Empathisch warst du selten.

Es ist besser so, denn so fühle ich mich besser. Vielleicht bin ich auch schon neu verliebt, vielleicht auch nur in die Idee, wieder selbst entscheiden zu können.

Wir hatten eine wunderbare Zeit gemeinsam. Lass es uns hier beenden, denn das ist ein Weg ohne Ziel. Wir könnten immer so weiter machen und wir würden uns nur enttäuschen. So macht das keinen Sinn und glücklich werden wird so keiner von uns beiden.

Du wirst einen anderen finden. Ihn lieben und schätzen lernen. Und vielleicht wirst du mich auch manchmal vermissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei mir anders ist.

Es war eine schöne Zeit!

Mathias Richel



Er kann es.

Mai 4th, 2007

Zug: ICE Berlin - Hamburg.
Wagen: Bistro.
Reisende: Ich plus zwei.
Weiterer Darsteller: Der Kellner.
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Nordvest



Weekend is the new vacation.

April 20th, 2007

, what more can i say? Deep down in my heart I feel weary and tired, I’d love to take a last minute flight. Holiday, why do you stay away? Let me take you by the hand and lead you through my life and soon I’m pretty sure you’d realize: I’m dreamin’ of vacation, of lyin’ in the sun, till the mobile on my table slams the door. And I’m back doin’ what I’ve done before […]

Damn. Noch nie hat die Weck-List meines iPod die Situation besser widergespiegelt als heute morgen.

In der Bahn dann selbst weiter getextet:

„Nine-to-five, oh my god. Be glad, you’ve got a job. Deep down in your heart, you really know it’s true, goin’ to work is what you’ve got to do.”

Danke Gott, es ist Freitag.

Nordvest



Mutig.

April 19th, 2007

Je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, wann ich jemals mutig war, oder einfach irre. Im Alter von zehn Jahren habe ich den dicksten und stärksten Jungen meiner Schule von einer Schaukel geworfen und ihm eine Ladung Sand in sein untersetztes Fleischgesicht geschmissen. Das fand ich mutig. Maik Zimmermann dankte es mir mit einem Uppercut und blutiger Lippe. Für einen Moment war ich ein Held, in der anderen Minute nur ein weiteres abgehaktes Opfer auf seiner Todesliste. Aber ich habe immerhin mit der Schlägerei angefangen.
Heute ist Maik Zimmermann arbeitslos und gehört einer rechtsextremen Partei an. Maik war nur dick. Und stark. Ich glaube, dass das Ausdruck dafür ist, dass er der feigste Mensch meiner Kindheit war.
Nur mutiger werde ich dadurch nicht.

Mathias Richel



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