Januar 29th, 2007
Manchmal gibt es Tage in meinem Leben, an denen ich mich lieber verstecke. Nicht rauskommen, einigeln. Zurückziehen in die eigenen vier Wände, als heimelige Alternative zum Was-bin-ich-Spiel draußen. Die Körperhygiene reduziert sich bei mir in dieser Phase auf ein Minimum, das Lebensumfeld nimmt die Gestalt eines C4-Testgeländes an. Einfach alles egal. Da draußen warten die Aufgaben, die Verantwortung, die Interaktion. Das Ich verliert sich in einem Strudel an Erwartungen. Nichts kann mich jetzt da hinaus ziehen, nichts wird mir gerecht. Nur hier bin ich das Selbst. Und plötzlich ist das Brot alle.
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Mathias Richel
Januar 2nd, 2007
Neben meinem Gymnasium stand ein anderes. Wir waren die Coolen – klar. Und drüben waren die Hippies. Mit Blumen im Haar, Batik-Hosen, Römerlatschen und gestrickten Taschen. Ich mied den Kontakt mit diesen Leuten, nur ab und zu ging ich zum kiffen auf den nachbarschaftlichen Schulhof. Hippies waren mir suspekt. Ich trug Baggypants, malte Tags an Wände und versuchte zu rappen. Es gab keine Berührungspunkte mit den Menschen und ihren Dreadlocks. Und dann lernte ich sie kennen.
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Mathias Richel
Dezember 29th, 2006
Die Museumsinsel sieht aus wie eine Olympiaeröffnung. Goebbelsche Lichtsäulen schießen in den Himmel und scheinen den Rest der Welt zu bedeuten: “Berlin, hurra, wir leben noch!”
Von irgendwoher hört man digital erzeugtes Vogelgezwitscher. Bildende Kunst.
Die Lange Nacht der Museen. Wir beide mittendrin, am und im Checkpoint Charlie. Touristen gucken. Hier sieht man sie alle: Schulklassen, Zonen-Gabis, Besser-Wessis, IM Christians, James Bonds und natürlich die vier Alliierten in Form von meist gutbeleibten Erlebnisspannern und anstatt mit AK-47 oder M-16, bewaffnet mit Nikon, Sony oder Fuji auf mindestens vier Millionen Pixel.
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Mathias Richel
Dezember 18th, 2006
Jeden Morgen 9.30 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Büro. Vorbei an den sanierten Fassaden in Mitte, quer über den Hackeschen Markt, rein in den Bäcker meines Vertrauens, Baguette geschnappt und »Coffee to go« in der Hand. Die Ladenzeilen mit den teuren Klamotten, Handtaschen und Designerhaushaltsnippes fliegen nur so an mir vorüber. Ich überhole Passanten und noch eiligere überholen mich. Die Arbeit ruft, keine Zeit für Blicke nach rechts und links.
Jürgen steht immer bei diesem Bäcker, aber er nimmt sich Zeit. Manchmal steht er hier drei, vier Stunden am Stück, oft schon ab 7 Uhr früh. Er schaut sich die Menschen an, die vorbeikommen und hofft auf ein gutes Geschäft. Jürgen ist Einzelunternehmer. Eine Pause gönnt er sich nicht, Gelegenheit für einen Kaffee bleibt selten. Unruhig wippt er von einem Fuß auf den anderen, es ist kalt geworden. Jürgen ärgert sich, die Geschäfte laufen nicht.
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Mathias Richel
Dezember 17th, 2006
Es ist eine Geschichte voller Missverständnisse, die Geschichte der Schlanken und Schönen. Models die mehr Koks in der Nase haben als Fettanteil am Körper, Designer die weniger Testosteron in sich tragen als ein weibliches Guinea-Meerschweinchen und Fotografen deren Horizont über ihrem Tamron-Objekt genau bis zum ORWO-Werkstor reicht – alles Geschichten der Boulevard-Presse. Nein, die gemeine Model-Fashion-Lifestyle-Rige ist anders. Man darf wohl von einem elitären Club sprechen, deren Zugehörigkeit man sich hart erarbeiten muss. Es ist wie eine Dschungelprüfung an deren Ende zwar nicht Essenrationen dafür aber Szenenapplaus wartet und wenn das eine Loch blutet, wird mit dem anderen gezogen. YEAH!
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Mathias Richel
Dezember 14th, 2006
Ich habe heute die dritte Nacht in Folge auf dem Sofa geschlafen. Im Wohnzimmer steht der Fernseher. Im Schlafbereich lehne ich ihn ab. Die Couch ist alt und genau so lang, dass ich mich nicht ganz ausstrecken kann. Bei jedem umwerfen der eigenen Körpermasse, drückt eine Sprungfeder direkt in meinen Oberschenkel. Trotzdem ziehe ich die Couch im Moment vor. Denn der Fernseher redet und das tut er so lang, wie ich es möchte oder merke. Manchmal „singt“ er mich in die Träume, die sich dann meist um den gerade im TV gezeigten „Refrain“ drehen. Zwischenzeitlich schalte ich ihn aus, gerade dann wenn ich merke, dass jetzt der Sandmann sein Streugut in meine Augen pustet.
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Mathias Richel
Dezember 14th, 2006
Da ist er wieder. Kaffeeflecken, das Netzwerkkabel, das Telefon, der formschöne Laptopständer. Da bin ich wieder - an meinem Schreibtisch. Nichts hat sich auf dem ersten Blick verändert. Alles beim Alten. Und doch ist es so, als wenn ich Ewigkeiten weg war. Drei Wochen Urlaub und nun zurück in den Schoß der Familie, die eigentlich eine Firma ist. Der Kaffee kommt gewohnt blubbernd aus dem Automaten und die Apfelschorle wartet darauf überschäumend geöffnet zu werden. Alle geben sich freundlich kollegial interessiert. „Wie geht es dir?“, „Was hast du gemacht?“, „Wo warst du?“ Neue Gesichter bleiben zunächst distanziert, weil sie mich noch nicht zuordnen können.
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Mathias Richel
Dezember 14th, 2006
Ein Ohrenpfeiffen fiept durch meinen Kopf. Nach einer langen Weile klingen Testbilder genauso. Nur Testbilder sieht man kaum noch. Sendeschluss. Dieses Wort ist nicht mehr existent in Deutschland Fernsehland. Mein Digitalempfänger bringt mir 32 verschiedene bunte, visuelle Naschereien in die heimischen Gefilde. Die gilt es zu kennen. Danach fällt es so leicht, sich gut zu fühlen. Man ist nicht so dumm, so einfältig, so klein, wie diese beruflichen Bespaßer und professionelle Angstmacher. Nein, ich bin bloß so dämlich und folge dem Geschehen interessiert. Und damit haben sie mich. Mehr wollten, mehr brauchen sie nicht. Ich soll mir keine Gedanken machen.
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Mathias Richel
Dezember 2nd, 2006
Ich habe es getan. Ich bin am Wochenende aus der gemeinsamen Wohnung meinerselbst und der nunmehr Ex-Freundin ausgezogen. Faktisch ein kurzer Akt: Ein Anruf beim hiesigen, lokalen Pritschenwagen-Monopolisten, nur zwei helfende Hände und das bisschen was an privatem Eigentum nach zwei jähriger Beziehung übrig blieb, auf die Karre geworfen. Emotional ein gewaltiger Schritt:
Weg aus der Beziehung, weg aus der Wohnung, weg aus meinem Kiez – hinein in den Friedrichshain, in eine WG-Umgebung, rein in eine Männerfreundschaft.
Mein neuer Wohnabschnittsgefährte befindet sich in einer ähnlichen Situation: Freundin weg, Zimmer frei. So ist das ein Zweckbündnis auf Zeit, denn wir beide sind bestrebt diesen Umstand bald wieder aufzulösen. Ab Dezember werde ich mir wohl eine eigene Bleibe suchen. Whatever. Jetzt erstmal zum Ist-Stand. Die ganze Situation ist auf einem Fundament langjährigen Kennens gebaut.
Wir haben zusammen das Abi gemacht, haben eine andere, gemeinsame Ex-Freundin, verfolgen ähnliche Interessen. Anders wäre dieses Unterfangen nicht zu meistern. Ich schlafe in seinem Wohnzimmer, meine Kartons sind in der Wohnung verteilt und vom Geschirr haben wir alles doppelt, sogar zwei Espressomaschinen. Die Ablage im Badezimmer frei gemacht und maskulines Equipment jetzt dort, wo früher die Parfums seiner Freundin standen.
Das kann ihm gar nicht schmecken … Aber wir tun unser bestes. Als erstes haben wir das Netzwerk installiert und dann in einem Egoshooter uns gegenseitig bei Battlefield in den Kopf geschossen.
Mathias Richel
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