Winterevening In The City Das Besondere im Alltag

Nachts im Kopf

Es ist spät geworden. Ich hatte mich doch eigentlich beeilen wollen. Nun ist es wieder 10.00 Uhr geworden. Ich bräuchte 48 Stunden am Tag. 24 Stunden reichen nicht. Man könnte soviel tun. Freunde anrufen, die man schon lang nicht mehr gesehen hat, und fast schon vergessen. Ich könnte meine ganzen Arbeiten auf einmal erledigen. Dann noch meinen 10-stündigen Schlaf, mir Zeit lassen beim Anziehen, Essen, Zähne putzen, ein bischen trödeln… Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich gar nicht merkte, wohin ich lief.

Auf einmal war es dunkel. Ich hielt bei einer Bushalte-stelle an. Ich war so müde. Konnte keinen Schritt mehr tun. Ich ließ mich einer Bank nieder. Autos rasten vorbei. Nur verschwommen sah ich deren Umriss. Lichter blendeten mich. Lärm erfüllte meine Ohren, ein einziges Rauschen. Es erfüllt meinen Kopf und hallte wieder. Ein leises Piepen in meinen Ohren sagte mir:

Du bist müde. Geh nach Hause. Aber ich war verloren. Wusste nicht mehr, wo ich war. Wer ich war. Woher ich kam, und wo ich hinwollte. Ich fühlte mich wie eine Arbeitsmaschine. Unfähig zum Fühlen und Denken. Ich stand langsam auf. Alles ging wie von selbst. Automatisch. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich bestand aus drei getrennten Teilen: Das Ich, das fühlte, und dachte, du bist müde. Das nächste Ich, das mich steuerte, damit ich nicht fiel. Und das letzte Ich. Das wachte mehr oder weniger schlecht als recht über mich. Denn es versuchte, die beiden anderen Teile zusammen zu führen und mir das Ganze zu erklären. Aber in mir war es das reinste Chaos. Verschiedene Mächte wollten zu Wort kommen. Alle hatten sie Recht. Alle redeten so eine Stuss! Ich verstand es nicht. Meine Beine trugen mich irgendwo hin. Ich wusste nicht, wie spät es war.
Ich hörte jetzt etwas. In mir regte es sich. Da war doch was. Ich war plötzlich hellwach. Aus der Trance gerissen.
Es waren schnelle Schritte. Energisch. Vielleicht aus Wut. Entschlossenheit. Auf jeden Fall kamen sie näher. Nein, nicht umdrehen, sagte ich mir. Das letzte ich regte sich. Nun hatte es geschafft, das ich wieder ganz Ich war. Einen klaren Verstand hatte. Merkte, das Schritte mich verfolgten. Ich war nun sicher, dass es die eines Mannes waren. Aber das machte die Sache nur schlimmer. Ich lief nun schneller. Er beschleunigte ebenfalls seine Schritte. Ich wusste aber nun wo ich war. Es kam mir so vertraut vor. Gleich. Gleich bist du da, beruhigte ich mich, in deinen vertrauten vier Wänden.

Das war nur zum Teil richtig. Mit vertraut meine ich nicht freundlich. Willkommen. Aufgenommen. Ich meine einfach nur: vertraut. Ich wohnt lange dort. Aber ich hatte schlimme Zeiten dort erlebt.

Die Schritte holten mich aus meinen Gedanken. Er war wieder da. Verfolgte mich wieder.

Immer noch, dachte ich entmutigt. Ich wusste, wer das war. Er hatte… Nein- Er HAT mein Leben zur Hölle gemacht. Früher. Damals. Ich war naiv. Und er hat es ausgenutzt.

Aber heute nicht, mein Lieber, sagt ich mir entschlossen. Heute nicht! Ich muss mich dem stellen. Dreh dich um. Jetzt! Stattdessen ging ich nur schneller. Ich hatte Angst. Ich war panisch. Wollte einfach nur weg hier. Vielleicht auch sterben. Bloß nur nicht IHM begegnen. Das war zuviel. Es würde wieder alles den Bach runter gehen. Ich würde scheitern, bei dem Versuch, nicht aufzugeben. Da will ich doch lieber das Handtuch werfen…

Damals hatte er mich schlimm verletzt. Er hatte mich ausgenutzt. Betrogen. Mit meiner eigenen Freundin. Das war ein schwerer Schlag für mich. Ich dacht eigentlich, er wäre weg. Sie wären zusammen in Paris. Das war es doch. Eine super Stadt für frisch Verliebte! Das passt!

Aber nein, jetzt muss ER auftauchen. Er hatte es schon immer geschaffft, im perfekt falschen Augenblick aufzukreuzen… Ich hoffte nur, dass seine, meine „Exfreundin“, Nicht auf-tauchen würde. Ich würde es nicht aushalten. Nicht jetzt. Ich hatte fast alles im Griff. Ja, morgens ging immer irgendetwas kaputt, und dauernd verschüttete ich eine Menge Zeugs. Aber ich war glücklicher, normaler geworden.

Nicht, dass ich jetzt sagen könnte, ich wäre immer glück-lich. Aber ich war wenigstens zufrieden und konnte lachen, etwas, dass ich vor einem Jahr nicht gekonnt hatte. Oder wenn, dann hatte ich nur so getan. Außerdem habe ich jetzt einen Freund. Oder wie ihr das auch sagen mögt. Ich kann ihm zwar nich tvertrauen, aber ich lass mich wenigstens auf ihn ein. Das ist sehr fortschrittlich für mich. Damals bin ich herum geirrt, und habe gestohlen und betrogen, um mir Unterkunft zu ver-schaffen. Da wohne ich jetzt immer noch. Mit meinem Vermieter. Er ist mein Freund geworden, weil er sich als einziger um mich kümmerte. Ich will jetzt nichts von meiner Familie anfangen. Aber er hat sich meiner erbarmt, als ich vor dem seelischen Aus stand, Hilfe benötigte. Ohne etwas zu erwarten. ER ist ein lieber Kerl. Er hat mich nicht verdient. Auch er kennt Ihn, meinen Exfreund, Fast-Ehemann… Nun, der Punkt war gekommen, an dem es mit mir wieder Bergauf ging. Ich war zwar wackelig auf den Beinen, abe rich kriegt die Kurve, und kratzte mit den Spitzen meine rSchuhen, den Asphalt. Gerade eben. Ich sollte ihn besser anrufen. Damit er sich keine Sorgen macht.

Mein Handy klingelte und riss mich dadurch aus dem Schlaf. Ich war wohl in der Bushhaltestelle eingeschlafen. Schnell kramt ich emin Handy hervor. Es war gleich noch Zeit, über dem Traum nachzudenken.

Ich nahm ab.

Es war mein Freund.

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