Kontrollverlust Mash-Up | Phase zwei.
Julia steht an der Kasse. Die Frau in der Kassierbox schiebt nacheinander die Sachen rüber. Grundnahrungsmittel, denkt Julia bei sich. Irgendwie kauft sie keine Lust-Produkte mehr. Keine Schokolade, oder Gummibären. Keine Schokoschaumküsse, kein Kuchen. Die zahlreichen Molkereiprodukte tragen keine Sahnehaube, sondern sind einfach Erdbeerjoghurt, oder Natur pur mild. Die Flasche „Le Filou“, die ist immer dabei. Sie öffnet ihr kleines Lederportmonee und Robert lacht sie an. Sie beiden lachen sie an. Dieses kleine Schwarzweiß-Foto aus dem Zwei-Euro Automaten auf der Kastanienallee. „Verdammt, ich habe die Leberwurst vergessen!“ schimpft sie halblaut in sich hinein, aber gerade noch verständlich für die Kassiererin. Die hält kurz inne und schaut fragend in Julias Gesicht. „Nicht so schlimm.“ sagt Julia und packt etwas schneller, weil verlegen, das schon Gescannte in den Plastikbeutel.
Heute ist nicht ihr Tag. Ihr Vater hat heute Morgen angerufen und erzählt, dass ihre Tante gestorben ist. Herzattacke mit 56 Jahren, geschiedene Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn. Julia kannte sie kaum, attestiert für sich selbst keine emotionale Verbindung. Trotzdem komisch, ist ja ein Familienmitglied. Nur was bedeutet das schon – Familie. Bei ihr zuhause in Dresden-Gorbitz lief alles gegen den Prototypen einer glücklichen familiären Verbindung. Sie ist die einzige Tochter, hat noch zwei ältere Brüder. Tobias ist beim Zoll in Bremen und Marko wartet in Dresden auf die nächste Maßnahme vom Amt. Julia hat das Hirn in der Familie abbekommen. Für sie mehr Fluch als Segen. Zu DDR-Zeiten hat sie noch russisch lernen dürfen – ab der dritten Klasse. Dann gleich auf das Gymnasium. Während Mutter und Vater sie lieber in der Lehre als Reisekauffrau stecken wollten. Bei „Sunny-Reisen“ arbeitete ihre Nachbarin aus dem Reihenhaus. „Die würden dich sofort nehmen. Das ist ein guter Beruf.“ Endlose Diskussionen um das Abitur. Julia sollte helfen beim Geld nach Hause bringen.
Seit der Wende schlug sich der Vater mit Gelegenheitsjobs in Dresden durch. Früher war er Polier, später trug er Dämmwolle, kehrte den Schutt und buckelte die 36ger Heizkörper in die sanierten neuen Häuser. Jetzt sitzt er nur noch zu Hause. „Billiger wie die Polen und Russen kann keener arbeiten.“, schnauzt er sich sächsisch durch den Tag vor der Glotze. Richter Hold, das Familiengericht, Lenzen & Partner – das kleine Fenster zur Welt in Gorbitz. Julias Mutter arbeitet im großen Kino-Palast im Zentrum von Dresden. Popcorn, Cola, Tortillas, manchmal Kartenverkauf. Es läuft mies. Die Gerüchte um den Konkurs stehen mittlerweile in der Zeitung. Wenn die Eltern reden, schreien sie, meistens aber schweigen sie sich an. Sie sind nicht angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Keine Chance. Früher sind sie noch demonstrieren gefahren, rüber nach Leipzig und später auch in Dresden. Und auf den Alexanderplatz nach Berlin, als Heym gesprochen hat und die Wolf. Als sie Schabowski auspfiffen und an den Westen glaubten. Da waren die Palmen schon näher als Krenz und die Banane wichtiger als Planerfüllung. Und dann kam alles, wie sie es niemals wollten. Niemand hatte ihnen gesagt, dass sie früher defizitär arbeiteten. Alles in treuer Treuhand Hand. Für einen Euro ging es damals an Hoch-Tief und Vater saß auf der Straße. Auffanggesellschaften, die ihn in eine Umschulung nach der anderen stecken. Er kann jetzt Briefe mit Word schreiben. Bewerbungen vielleicht. Aber einen Computer gab es nie zu Hause. Noch zwei Jahre bis zum Vorruhestand. Dann muss er nicht mehr stempeln gehen, bei den pro forma Vorstellungsgesprächen. Jetzt steht er bei Hartz vier. Und hofft weiter auf kleine Anstellungen auf den großen Bauvorhaben. Noch vier Wochen, wenn er dann nichts hat, muss er den Ein-Euro-Job nehmen bei der Stadtreinigung. Die Eltern gehen schon lange nicht mehr wählen. „Die da oben machen doch eh was sie wollen.“
Julia hat das alles mit- und abbekommen. Während ihre Brüder die Wohnung verlassen haben, war sie das einzige Kind im Haus. Sie war nicht gern da. Solange es ging blieb sie draußen auf der Straße. Die Hausaufgaben machte sie bei Freundinnen und für die Klausuren lernte sie in der Cafeteria in der Schule. Daheim wurde nur noch geschrieen und manchmal setzte es auch eine Ohrfeige – für Mutter und Tochter. Aber das schien normal. In ihrem Umfeld ging es vielen so. Erst auf dem Gymnasium lernte sie andere Erfahrungen kennen. Ihren Lehrern aus der Grundschule ist sie heute noch dankbar, dass sie damals in das Gutachten eine gymnasiale Bildung empfohlen haben. Und das sie es schafften, in etlichen persönlichen Gesprächen, die Eltern vom Talent ihrer Tochter zu überzeugen. Dort fühlte sie sich wohl. Darstellendes Spiel, Kunst, Musik, keine Neonazi-Idioten. Und wirkliches Interesse an ihr. Das Abitur hat sie spielend geschafft. Und gleich auf nach Berlin. Ein Tag nach ihrem Abitur stand der Umzugswagen vor der Tür. Freunde halfen. Vater stand im Türrahmen. Sie hatten sich alle nichts mehr zu sagen. Julia war ihren Eltern weit voraus. So wie sie es immer wollte. Dafür hat sie gelernt und gebüffelt. Niemals wollte sie so resigniert durch die Landschaft laufen, wie ihre Erzeuger. Das Verständnis für den jeweils anderen fehlte nun auf beiden Seiten. Und Mutter schwieg.
Berlin – Julias Stadt. Im Internet hat sie eine WG gefunden, mitten im Prenzlauer Berg. Einmal ist sie hingefahren hat sich die Mitbewohner angeschaut und fand das alles toll. In der ersten Woche hat sie sich gleich den Job in einem Telefon-Umfrage-Callcenter bekommen. Und dann stand er da, am ersten Tag im Unigebäude – Robert. Niedlich sah er aus und so unsicher. So unsicher wie Julia sich auch gerade fühlte. Ganz gegen ihre Art steuerte sie direkt auf ihn zu und sprach ihn bewusst selbstbewusst an: „Hey du, weißt du wo es hier zum Audimax geht?“
Julia packt die letzten Sachen in die Tüten und versucht alles so zu greifen, dass es nicht einschneidet in den Fingergelenken. Die Geschäfte in der Passage machen dicht und sie fährt die Rolltreppen hoch zum Ausgang. Ab nach Hause. Scheiß Tag heute, vergessen und einen Wein aufmachen.
to be continued >>>
Bitte hier weiterlesen, dann wird das auch komplett: Kontrollverlust Mash-Up | alle Phasen
Oktober 21st, 2006 at 22:55
[...] Kontrollverlust Mash-Up | Phase zwei [...]
Oktober 23rd, 2006 at 10:35
Bravo - fängt sehr vielversprechend an und ist im Gegensatz zu MC Winkels Schiene, der diese offenbar von euch abgeguckt hat und von dem ich dem Link zu euch habe, uaf einem weitaus höheren sprachlichen und stilistischen Niveau. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr.
Oktober 23rd, 2006 at 10:41
Ich finde es großartig, was der MC macht. Der Kontrollverlust verfolgt einen anderen Ansatz: eine abgeschlossene Handlung über so und soviel Phasen. Sozuagen eine Textnovela. Das hier ist Phase zwei.
Viel Spaß beim weiterlesen.
Oktober 23rd, 2006 at 11:44
Mhmh, zja, weiß nicht.Mit dieser Euphorie bist du nicht allein.Egal,is ja auch nur meine Meinung.Insbesondere gehört diese Debatte nun hier nicht her, sondern lediglich: Find ich gut,dass ich euren Blog gefunden habe und ich freue mich auf die folgenden Einträge.
Oktober 23rd, 2006 at 11:50
Ist okay. Mir finde eine kritische Begleitung auch meistens konstruktiver/produktiver als nur pure Lobhudelei. (Obwohl das natürlich sehr nett ist, als nicht aufhören). Ich denke auch, dass der MC das ganz ähnlich sieht.
Oktober 23rd, 2006 at 12:10
Mensch Thomas, was ist denn nur los? Scheiß Wochenende gehabt? Erst bei mir am Meckern und hier auch nochmal ein bißchen Missgunst raushauen?!
a) Ich habe nix abgeguckt; habe mich vllt. inspirieren lassen
b) ist das keine Schiene, sondern eine Idee, die ich einfach nur zu Ende bringen wollte und
c) zeig mal her, Dein sprachliches und stilistisches Talent
Ich nehme eher an, Dich mit meinem heutigen Text irgendwo getroffen zu haben. Einen Spiegel vorgehalten zu bekommen soll ja bisweilen Unmut auslösen, wie man so hört.
Aber Latte, darum geht’s hier ja nicht. Hier geht’s um Richels Text, und der ist wieder mal on point!
Oktober 23rd, 2006 at 13:02
Mannohmann - entwickelt sich ja langsam zur richtigen Battle. Bloß eben im falschen Forum.
Entschuldigen Sie bitte, Herr Ritchel. Mr. MC & myself hätten gleich eine andere Spielwiese verwenden sollen, anstatt hier Ihr Gästebuch zu besudeln.
Si vis pacem, cole iustitiam - Thomas
Oktober 23rd, 2006 at 21:21
Julia & Robert sind mir sympathischer als Lisa Plenske & David Seidel.
Oktober 23rd, 2006 at 21:25
Danke. Das ist meine große Hoffnung.
Oktober 23rd, 2006 at 22:10
@ Denise
Das musste ich erst googlen. Was du so weisst.
Oktober 24th, 2006 at 21:25
@Malte
Es ehrt dich ja, dass Du Plenke & Co. nicht kanntest. Aber kann es sein, dass Du keine Freundin hast?
Oktober 24th, 2006 at 21:42
@ Eldersign
Sie ist Sprachwissenschaftlerin. Da bleibe ich von Soaps verschont.
Oktober 25th, 2006 at 00:50
:) Chapeau.