Heidelberg
Er wachte auf.
Es war dunkel draußen.
Ein müdes Gesicht starrte ihn an.
Es war sein eigenes. Die Scheibe reflektierte.
Er saß in einem Reisebus nach Heidelberg. Heidelberg.
“Eine total schöne Stadt!”, sagte einer seiner Kollegen und zwei andere hatten beipflichtend genickt. “Genau, immer eine Reise wert.”, “Total toll da, vor allem das Schloss.”.
Er meinte draußen etwas wie Regen erspähen zu können, ganz sanfte Wasserfäden sammelten sich horizontal auf der Scheibe, durch die ihn noch immer tiefe Augenringe unter zerknautschten Haaren anblickten.
Alles was er über Heidelberg wusste, waren die Bildunterschriften der Fotos, die an der U-Bahn-Haltestelle Heidelberger Platz ausgehängt waren.
Feuerwerk am Schloss, ein Luftbild mit Ebene und Tal, Fluss und Wald, ein Sowieso-Platz.
Und die Adresse von Paula, die wusste er auch. Er hatte eigentlich nicht vor, zu ihr zu fahren, aber er ahnte schon, dass er trotzdem dort landen würde.
Die Firma hatte ihm einen sehr guten Job in der Leitung einer Abteilung im Ausland angeboten und er hatte Interesse bekundet und war nun unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch in der Zentrale.
Er wollte nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen und zum Flughafen fahren müssen und hatte - warum auch immer - eine großzügige Fahrtkostenpauschale zugesichert bekommen und sich entgegen dem teuren Flieger für den günstigeren Bus und eine Nacht mehr im Hotel entschieden.
Er blickte nach links an seiner rentnerischen Sitznachbarin in den Gang, dort schlief ein Geschwisterpärchen selig, das sich auf den ersten 100 Kilometern der Fahrt noch die Haare büschelweise ausgerissen hatte.
Ein Kinderbein ragte in den Gang und wurde von einem älteren Herrn mit Hut sorgfältig umschifft, der sich zur Reisetoilette begab.
Reisetoilette, ein Chemieklo und es ruckelte und stank erbärmlich.
Vorhin war er kurz pissen gewesen auf diesem Stinkloch und obwohl er gekonnt hätte, hatte er sich nicht zum kacken durchringen können.
Jetzt drückte es im After und er freute sich sehr auf das Hotelklo. Aus dem Augenwinkel erhaschte er einen Blick auf eine Kilometeranzeige, Heidelberg 133 Kilometer stand da.
Also noch anderthalb Stunden, das war aushaltbar.
Er dachte an Paula, das letzte mal hatte er sie in Bremen gesehen, dort hatte sie eine Lesung gegeben und ihn quasi angefleht dorthin zu kommen, als sie hörte dass er an diesem Wochenende bei seinen Vater in Oldenburg zu Besuch war.
Also war er gekommen und hatte brav Wache gestanden, als sie sich viel zu lange mit einem geschwätzigen Kleinverleger unterhalten hatte und Geduld geübt, als der Veranstalter mit ihnen noch eine Kleinigkeit trinken gehen wollte. Irgendwann war dann Showtime, er hatte viel zuviel getrunken um ordentlich vögeln zu können und Paula war viel zu nüchtern, um sich auf einen Betrunkenen einlassen zu können. Komisch, er wusste trotzdem noch genau wie es gewesen war, wie sie sich angefühlt hatte. Aber ein guter Fick sah anders aus.
Trotzdem bat sie ihn am morgen inständig nicht zu gehen. Sein Vater wartete auf ihn und am Abend sollte er zurück in Berlin bei Silke sein, er gab ihr einen Stirnkuss, deckte sie bis zum Kinn zu und verschwand Meter für Meter aus dem Zimmer, seine Klamotten einsammelnd und anziehend.
Er schlief ein und wurde von der älteren Dame geweckt, die ihn darauf hinwies, dass der Bus nun gleich in Heidelberg halten würde.
Er nuschelte ein Danke und stieg einige Minuten später aus.
Das Hotel war nicht weit und auf dem Weg dorthin schrieb er Paula eine SMS.
Beim reinkommen in sein Hotelzimmer schaltete er sofort den Fernseher und einen Musikkanal ein und ging ins Bad. Seiner Erwartung entsprechend ging mit berühren des Lichtschalters auch hier die Lautsprecher an. Er freute sich.
Das Klo war weiss und rein, ein echter Scheissealtar.
Er ließ die Hosen runter, setzte sich und schiss.
Eine wunderbare Wurst, lang und geschmeidig, es spritzte nichts hoch und das Klopapier hatte mindestens 100 Lagen und die Klobürste war aus purem Gold.
Er setzte sich auf’s Bett, schaltete den Fernseher aus, nahm eine kleine Flasche Jägermeister aus der Minibar, trank diese aus, legte sich hin, wichste kontrolliert, kam angenehm, freute sich auf’s klebrige Laken und das vielleicht angewiderte “Bäh!” des Zimmermädchens am nächsten morgen und schlief friedlich ein, die begeisterte Antwort-SMS von Paula nicht mehr wahrnehmend.
Die las er erst am morgen beim ausgiebigen Frühstück, der Gesprächstermin war für 11 Uhr anberaumt und da um 9 bereits das Zimmermädchen klingeln sollte, hatte er sich den Wecker auf 8 gestellt, geduscht, dabei weitere Onanie erwogen aber verworfen - wegens der latenten testosteronen Aggressivität, die er für das Interview zu benötigen vermutete und war in den Frühstsückssaal gegangen.
Es war Freitag und er antwortete ihr, dass er bereits am Nachmittag Zeit haben könnte, sie solle einfach Bescheid sagen und er würde sie dann im Büro abholen. Die prompte Antwort war “Mach ich, viel Glück! Küsse.” - er fragte sich, ob das so eine gute Idee gewesen war.
Unter Umständen würde sie ihn das gesamte Wochenende festhalten wollen und je nach Verlauf des Vormittags konnte er schon am frühen Nachmittag gut angepisst von allem in irgendeinem dieser verkackten Kleinstadtcafes verrotten. Er beschloss, dass der Plan für den Abend ein ausgeprägter Alkoholrausch sein sollte, und er würde Paula mit ins Verderben reissen. Soviel stand für ihn fest.
Nach Frühstücksende begab er sich per ÖPNV in die Firmenzentrale, schüttelte ein paar Hände und sah sich einem feisten, aber gut erhaltenen Herrn im mittleren Alter gegenüber, dessen Designerbrille seine Akte widerspiegelt hätte, wenn sie nicht so unglaublich gut entspiegelt gewesen wäre. Stattdessen meinte er zu sehen, dass sich die Akte in den Augen des Herren spiegelte.
Das Gespräch verlief fair, nicht allzu spektakulär und ohne große Überraschungen, einen Hauptteil der Informationen die das Komitee hatte haben wollen, hatten sie vorher sowieso über Abteilungsleiter, Arbeitskollegen und sonstige Firmenspitzel erhalten und wäre das nicht schon überzeugend gewesen, dann wäre er erst gar nicht eingeladen worden.
Es war nun mal eine schwäbische Firma, da zählte ein guter Augenkontakt und ein ordentlicher Händedruck, um zum “Geschäft” dazu zu gehören. Eine angenehme Stimme möglicherweise und vielleicht als Hauptkriterium ein gut gesprochenes Englisch, was ihm jedoch am wenigsten Sorgen bereitete.
Ihm war nicht klar ob es so geplant, Zufall oder Sympathie war - aber als es kurz vor zwölf wurde und das Gespräch faktisch bereits beendet war, lud ihn der Brillenfeistmann ein, mit ihm und seinen zwei Beisitzern noch zum Mittagessen zu gehen. Seine eventuell zusätzliche Chance (auch zu verkacken wie ihm auf dem Weg zum Firmenwagenparkplatz klar wurde) wahrnehmend willigte er ein und erlebte ein großartiges Mittagessen aus Schupfnudeln mit Gemüse, leicht und trotzdem vollkommen ausfüllend. Er freute sich auf den Schiss dazu.
Seichte Gespräche über alles andere als den Job, Bundesligaergebnisse, Tagespolitik und Wochenendpläne. Als sie hörten, dass er eine Freundin hier besuchen wollte nickten sie wohlwollend. Ansässige zu kennen schien positiv aufgenommen zu werden. Aber ob das gut war? Er hatte Geschichten gehört von Kollegen, die nicht ins Ausland versetzt wurden, weil sie zu tief in Deutschland verwurzelt waren. Vielleicht schickten sie irgendeinen jugendlichen Emporkömmling und baten ihm dafür eine Stelle in Heidelberg an, wo er doch hier schon Leute kannte. Aber vielleicht war er ja auch der jugendliche Emporkömmling. Egal, das Essen war super und er hatte mehr Zeit herum bekommen als erwartet und freute sich auf einen Espresso in irgendeiner Laptoparschlochbar in der Fußgängerzone.
Händeschütteln, Augenkontakt halten, ein Lächeln, viel Erfolg, viel Glück, gute Heimreise, schönes Wochenende und mit dem Taxi ab in Innenstadt.
Bier oder Espresso, er konnte sich nicht entscheiden und nahm beides.
Wie am Vorabend war das Wetter nicht das beste und einer dieser Ledersessel am Fenster sah recht annehmbar aus. Sich setzend friemelte er das sich gerade in Bearbeitung befindende Taschenbuch aus seiner Manteltasche und begann zu lesen, nachdem er den Espresso ge-ext hatte.
Ein Querflötespieler bekam die Erlaubnis des Tresenpersonals die Kundschaft zu bepfeifen und die Dudelmusik wurde runter gedreht.
Es gelang ihm, beim Lesen nicht nur den Querflötenspieler, sondern auch das dickliche Mädchen zwei Sitzgruppen weiter zu ignorieren, die tatsächlich das gleiche Buch wie er in den wurstigen Fingern hielt und immer mal wieder rüberschielte, in der Hoffnung ein Lächeln oder einen Fick oder beides abzubekommen.
Am Fuße seines Bieres kam das erwartete Vibrieren in der Hosentasche, Paula sei jetzt gleich fertig und würde sich voll freuen. Er schwang sich auf, warf einen Kaugummi ein und stapfte aus dem Lokal, nicht ohne der Wurstigen im Rausgehen gut sichtbar zuzuzwinkern und sich für diese wunderbare Perfidität selbst auf die Schultern zu klopfen.
Paula stand schon rauchend vor ihrem Bürokomplex und umarmte ihn mit allem was sie hatte. Der kleine schwarze Schopf presste sich mit ungeahnter Kraft an seine Brust und die feinen dünnen Arme umschlossen ihn ohne Aussicht auf Wiederfreilassung.
Sie sei umgezogen sagte sie, und wohne jetzt gleich um die Ecke. Statt einem Taxi nahm er also noch eine Flasche Wein aus einem “Strauss Innovation”-Laden mit und erklärte Paula sein Vorhaben für den Abend, woraufhin sie seine Hand ein wenig fester hielt und leicht betreten lächelnd zu Boden sah.
Als sie die Wohnungstür aufschloss und ihn hinein bat, blieb ihm kurz die Luft weg. Schon der Flur stand voller brennender Kerzen, die Wohnung war trotz der Nachmittagszeit abgedunkelt und auch aus den anderen Zimmern glimmerte es golden. Er blickte sie fragend an. “Weisst du, ich hab meinen Job schon vor zwei Monaten gekündigt und dachte ich nutze die Gelegenheit, dich zu überraschen.“ Als er nichts sagte fügte sie hinzu: „Ich weiss ja, wie sehr du dich über die Berechenbarkeit der Welt beklagst …”
Er war baff und schritt langsam ins Wohnzimmer, seinen Mantel auf einen Sessel werfend.
Sie kam hinter ihm her und umschlang ihn von hinten. Mit selig werdendem Blick drehte er sich zu ihr um, erwiderte den Kuss und der Rest des Abends ging auf in unbekleideter Gemeinsamkeit.
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