#29

September 27th, 2007

Wie sind die Dinge an der Küste? Bist du wieder einmal pleite?

Du hinterlässt keine Nachricht, nur deine Nummer im Display. Ich habe sie längst gelöscht. Auf einen Anruf kannst du lange warten.

Du mit deinen Puppenschuhen, deiner Panik vor Laufmaschen. Was machst du, wenn es stürmt? Erzähl mir nichts von Weite, erzähl mir nichts von Freiheit. Jemand wie du fährt zwanzig Kilometer zurück, wenn sie die Sonnenbrille vergessen hat.

Ja, ich brauche sie, die Stadt. Ja, ich will den Lärm.

Lass mich in Ruhe mit der Küste. Du willst doch nur mein Geld.

Jürgen Albertsen



Hand und Schulter

Juni 25th, 2007

Immer macht der Junge das. Das Mädchen lässt ja sogar ihre Arme hängen. Manchmal würde sie ihn gerne wegstoßen, aber soweit geht sie nicht. Sollte sie vielleicht, denn er legt nicht nur seine Hand auf ihr Schulter, sondern er zieht sie an sich. Egal wo, auf dem Weg durch die Fußgängerzone, im Café, auf seinem Zimmer sowieso und auch jetzt, im Biergarten.

Dabei sitzt seine Mutter sogar gegenüber.

Vielleicht gerade deshalb. “Seht her, sie gehört mir.” Und jetzt kann sie sich noch weniger wehren. Jetzt wäre sie vielleicht sogar froh, wenn sein Hand nur auf ihrer Schulter läge und nicht ihren Rücken hinabwanderte bis zu ihrer Hüfte. Er tastet nach dem Streifen nackter Haut, gleitet mit dem Daumen unter ihr T-Shirt, mit seinem kleinen Finger in den Bund ihrer Hose.

Die Mutter sagt: “Es ist so schön, euch so zu sehen.”

Das Mädchen greift zum Maßkrug und trinkt und trinkt. Der Junge schiebt ihr T-Shirt nach oben, seine ganze Hand liegt jetzt auf nackter Haut. Das Mädchen ist sicher, der Mann hinter ihnen starrt sie an. Sie lässt den Krug auf den Tisch zurück fallen. Das Geschirr scheppert. Sie sagt: “Nein.”

Jürgen Albertsen



Suppe

Mai 22nd, 2007

Kanya sieht ihn durch das Ausgabefenster. Er bestellt sich immer etwas Scharfes mit Reis. Er geht immer zum selben Tisch, meistens allein, als einziger schmutzig, als einziger mit einem Bier. Sicher ist er Arbeiter.

Die Gäste kommen in Schüben, und zwischen den Schüben kann man rauchen oder oder einfach nur dastehen und den Schweiß abwischen. Manchmal nimmt Kanya eine Schüssel und füllt sie voll mit Suppe, mit viel Gemüse und Fleisch. Sie stiehlt sich dann an dem strengen Max vorbei und raus in den Gästeraum. Sie geht zu dem Tisch des Arbeiters und stellt ihm die Suppe hin.

“Für dich.”

Sie wartet nicht darauf, dass er antwortet. Sie dreht sich um und eilt zurück in die Küche — bevor der strenge Max etwas sagt. Sie stellt sich wieder an den Herd und beobachtet den Arbeiter. Er hat sich auf die Suppe gestürzt. Zwischen zwei Löffeln versucht er, einen Blick durchs Ausgabefenster zu erhaschen.

Aber jetzt kommt schon der nächste Schub.

Jürgen Albertsen



Ein Drittel Bier

Mai 6th, 2007

Die besten Cocktails der Stadt, das sagt sich so leicht. Ich schmecke Frucht, herbe Frucht. Der Alkohol wirkt später.

Von den beiden Frauen, die hereinkommen, hat eine einen Koffer dabei. Ich mache einen Witz über Bomben. Ich glaube, sie hören es nicht, aber sie gehen trotzdem nach hinten.

Ein Mann setzt sich neben uns an die Bar. Trotz der besten Cocktails sagt er: “One beer, please.” Münchner Bier gibt es hier nicht, aber das ist ihm egal. Er trägt einen Anzug und einen teuren Millimeterhaarschnitt. Geschäftsmann: Zwei Straßen weiter ist das Hilton. Er trinkt den Schaum und ein Drittel das Bieres.

Meine Begleitung sagt mir: “Sprich ihn nicht an.”

Tue ich nicht, statt dessen klingelt das Handy des Geschäftsmannes. Er antwortet in einer kehligen Sprache, die ich noch nie gehört habe. Ich trinke den letzten Schluck meines Cocktails. Mit meiner Begleitung spreche ich über Frauen. Der Barkeeper mixt mir “eine Überraschung”. Als ich wieder zum Geschäftsmann sehen will, ist er weg. Zwei Drittel seines Bieres sind immer noch da.

Jürgen Albertsen



Beilage rechts, links das Fleisch

April 27th, 2007

Nennen wir sie Silke.

Silke steht ein wenig krumm. Die Türkin ist kleiner als sie — und dicker. Alle sind dicker hier.

Die Türkin sagt: “Die Beilage haben wir immer hier rechts. Links das Fleisch. Und dahinten den Fisch. Aber nur mittwochs und freitags.”

Silke trägt noch keine Kittelschürze. “Für dich müssen wir erst einmal eine finden”, hat die Türkin gesagt. Und so, in Jeans und Top und mit offenem Haar, sieht Silke aus, als hätte sie sich aus einer der Agenturen hierher verirrt. Zu groß, zu blond, zu hübsch.

Sie denkt an den Junior. Sie denkt an heute morgen, an ihre Fahrt durch den Park. Es hatte endlich geregnet über Nacht, und es hat nach feuchtem Sandstaub gerochen.

Für den Junior war es ein Morgen wie jeder andere. Doch für Silke nicht. Sie war nicht umgekehrt und nach Hause zurückgefahren. Sie war hierhergekommen.

Silke folgt der Türkin. “Umkleideraum. Wenn du endlich deine Schürze hast, kannst du dich hier umziehen.” Weiter. “Die Küche. Hier hat Herr Jennisch das Sagen. Denkt er!” Die Türkin grinst, und Silke weiß, dass sie auch grinsen muss.

Zurück zur Essensausgabe. Eine halbe Stunde noch, dann machen sie auf. Später wird Silke spülen müssen. Ihren iPod hat sie mitgebracht. Wenn sie schon nicht üben kann, will sie wenigstens ihre Lieder hören.

Über die leeren Tische und Stühle hinweg kann man in den Garten sehen. Draußen dampft es ein bisschen.

Hinter sich hört Silke die Türkin rufen: “Die hier! Die hier müsste dir passen.”

Jürgen Albertsen



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