Robin: Dr. Lenz Schnöckelborg Ich bin jeder Idiot* - Snippet

Kontrollverlust Mash-Up | Phase eins.

Robert blättert in dem Buch, ohne es zu lesen. Din A4, Herlitz. Ein Schimpansenpärchen feixt ihn frech vom Hochglanz gedrucktem Hardcover an. Ein Mädchenbuch. Seines Mädchens Buch. Der Strichcode sagt vierneunzig und meint noch D-Mark. Diese 90-seitige Klebebindung ist ein kitschiges Frauending – ein Tagebuch. Er brauchte so etwas nie. Keine Schimpansen, keine Pferde, keine Poesiealben, keine Freundschaftsarmbänder. Das sind Frauenrituale. Mädchenreflexionen. In einer Liga mit Pyjamapartys, Ferrero Küsschen und Ki-Ba. Das haben nur Frauen. Solche Frauen, wie Julia eben.

In ein Tagebuch schreibt man Sachen, von denen man glaubt, dass sie in ein Tagebuch gehören. Und meistens sind es schlechte Dinge, Gefühle oder mädchenhafte Jungsinterpretationen, vielleicht noch flüchtige Schwärmereien.
Julia ist fleißig. „12“ hat sie mit Edding vorn darauf geschrieben. Gerade so, dass die Ziffern nicht auf einem Affengesicht stehen. Das zwölfte Band. Ihr Leben füllt schon zwölf Bücher. Wenn er richtig rechnet, müsste er seit drei Bänden ein Thema sein. Vier Jahre sind sie jetzt zusammen. Zwei davon leben sie in dieser Wohnung, macht insgesamt drei Bände. Seine längste Beziehung. Und wahrscheinlich steht alles hier drin. Kleinlich dokumentiert.
Von der Bremsspur in der Unterhose, bis zum Elternbesuch. Weihnachten, Urlaube, Kino, Studium, Klamotten, Freundinnen, Konzerte, Streits, Sex, Krankheiten, Gefühle, Zukunftspläne. Orgasmusprobleme, Kinderwunsch, andere Kerle? Würde sie auch über andere Typen schreiben? Julia weiß, dass Robert weiß, wo ihre Bücher liegen. Sie gibt sich nicht Mühe etwas zu verbergen. Andererseits, warum sollte sie auch etwas vor ihm verstecken? Sie kann Robert vertrauen. Sie reden über alles.
Neben der Beziehung sind sie beste Freunde. Es gibt keinen Menschen, der ihn besser kennt oder versteht. Sie war ihm nie fremd. Beide haben sie verloren in diesem großen Hörsaal gestanden und hatten dabei keine Lust auf dieses Studium. Was sollten sie mit Kulturwissenschaften?
Robert hatte allen Grund: er musste nur weg, weg von zu Hause.
Am Ende hat er das Dorf nur noch gehasst. Polizistensohn und Scheidungskind, doch auf dem Baumblütenfest waren sie immer vorzeigbar. Ein Lächeln hier, ein Zuprosten da. Dieses kleine Schaustück der Fassaden. Die Anonymität ist kein Phänomen der Großstadt. Nein, das Dorf ist schon in sich eine verlogende, eingeschworene Gemeinschaft. Der Bürgermeister hatte seine Frau verdroschen, regelmäßig. Und alle haben es gewusst. Andererseits hat er auch Geld für einen neuen Radweg rangeschafft. Da wurde dann auch mal weggeschaut und er eben wieder gewählt, ohne Gegenkandidaten. Es entscheidet immer der Pragmatismus.
Irgendwann musste dann Roberts Vater zu der zur zum Wohnhaus ausgebauten Scheune des Bürgermeisters ausrücken und den Arsch da rausholen. Fast ins Koma gesoffen hatte er sich und dabei seine Frau halb tot geboxt. „Mensch Klaus, wat machs´de denn für Sachen?“, hörte er seinen Vater zum geschulterten Bürgermeister sagen. Robert hätte kotzen können.
Weg, nur weg,
Er hat hier nie reingepasst. Er war immer der Grübler, einer der immer nachfragt. Diesen Tick zu interessiert am Leben - dort wo die Schwelle zum Auf-die-Nerven-gehen übertreten wird. Dann, wenn man lieber alles so laufen lassen will, wie es gerade läuft. Denn, es funktioniert ja.
Robert war das immer zu wenig. Sooft es ging schnappte er sich die alte Karre, die er sich von dem frisch gebackenem 21-jährigen Vater, und einer seiner wenigen Freunde in Personalunion, ab und zu ausleihen konnte und fuhr raus, einfach nur raus.
Martin, der junge Vater, war eigentlich ganz anders als er und dennoch irgendwie ganz ähnlich. Beide wollte immer mehr. Viel zu eng saß das Korsett der Kleinbürgerlichkeit. Martin wollte Mädchen, Parties und Drogen. Und diese Dreisamkeit suchte und fand er – alles in schöner Regelmäßigkeit. Irgendwann hat er dann Kristin kennen gelernt, wobei kennen gelernt hier nur bedeutet, gesehen. Im „Crash“. Das einzige Entertainmentprogramm im Umkreis von 35 Kilometern. Das „Crash“ zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass man immer wusste, was einen erwartete. Ein Qualitätsmerkmal, neben den exzessiv mikrofonbenutzenden DJ, den 99-Pfennig Parties und den Single-Flirt-Nächten.
Die Musik war grausam, die Menschen schrecklich. Aber die Alternative war immer nur Kiff, Bong und dann zocken am Rechner. Zu zweit schießen. Mal mit, meistens gegeneinander. Längst kannten sie alle Kombinationen auf den Controllern und waren zu Meistern im virtuellen Töten geworden. Viel sagen mussten sie sich dabei nicht, denn beide wussten, dass das nicht das Ende hier sein kann.
Und dann kam Kristin. Zunächst aber erst einmal Martin in ihr. Ohne Gummi, ohne Nachdenken. Whiskey-Cola und Dorfsex. Kristin war bekannt-berüchtigt in der Umgebung. Nicht das sie sonderlich sexuell aktiv war, zumindest nicht mehr als andere Mädchen in ihrem Alter, aber sie war eine der Wenigen, die über die entscheidenden optischen Benefits für die pubertierende Landjugend verfügte. Sie war alldem auch nicht abgeneigt und es schmeichelte ihr sogar. Es brachte ihr jedes Jahr die Scherpe der Kirschblüten-Königin ein. Sie nahm das nicht wirklich ernst, aber damit war man schon wer und Kristin erst recht. Und nun wurde Kristin Mutter von Martins zum Kind angewachsenen Samen.
Die Scherpe passte schon ab dem vierten Monat nicht mehr. Die anfänglichen Verzweiflung und die darauf folgenden Abfindung, sind nun dem Alttag als junges Elternglück gewichen. Für Martin das Ende der Dreisamkeit und der direkte, integrative Weg in die Dorfgemeinschaft. Für Robert der Verlust eines Leidensbruders und das Signal zum Aufbruch.
Kulturwissenschaften. Der Erste seiner Familie an der Uni. Damit verband sich keine Erwartungshaltung an ihn, aber es war Ausdruck des Anspruchsdenkens an das Thema Bildung innerhalb seiner Sippe.
Studenten waren immer die Idioten, die Demonstranten, die Faulenzer. Zumindest laut Stammtisch-Gebrauchskatalog für dörfliche Verbalakrobaten. Und dann auch noch Kulturwissenschaften. Robert hatte manchmal das Gefühl, sein Vater und dessen neue Freundin waren froh, dass er endlich das Haus verlassen hatte. Nicht wegen der vielen neuen Möglichkeiten, die sich nun für den Jungen ergeben sollten, sondern der Bequemlichkeit wegen. Robert war das eigentlich egal. Er war nur froh weg zu gehen. Weit weg und wirklich raus. Kein Neuanfang, sondern der erste Anfang. Der Startpunkt, der Pistolenknall. Peng, und da war dann auch schon Julia. Julia, mit ihrem braunen, schulterlangen Haar und dem frechen Pony. Sie hatte ihn nur nach dem Weg zur Einführungsveranstaltung gefragt und Robert dachte, ganz gegen seine Art, sofort an Sex.
Manchmal holt Robert noch die Fotos von damals vor, die Julia unentwegt geschossen hatte. Den Campus, die Mensa, die Bibliothek, die Aushänge, die WG-Gesuche am Schwarzen Brett. Sie trinken ein Glas „Le Filou“ und fahren dann ihren eigenen Film.

>>> to be continued.

Kontrollverlust Mash-Up | Phase zwei

11 Responses to “Kontrollverlust Mash-Up | Phase eins.”

  1. Says:

    Nicht aufhören.

  2. Mathias Richel Says:

    “>>> to be continued.” Das ist längerfristig geplant.

  3. Says:

    so viele dinge, die sich nach klischee anhoeren, aber dennoch zutreffen. ich erinnere mich gerade an meine zeit auf’m dorf, bevor auch ich studieren ging. (aber nicht kulturwissenschaften) und ich bin froh ueber diesen schritt. weg von den fesseln der kleinbuergerlichkeit, hinnein in eine (achtung jetzt kommt’s) ‘neue bodenstaendigkeit’.
    bin auf die fortsetzung gespannt!

  4. Says:

    Fein!
    Freue mich auf mehr.

  5. Says:

    Tolle Geschichte, keine abwegigen Klischees, bitte mehr!

  6. Mathias Richel Says:

    work in progress. Ich bin dran …

  7. neue bodenständigkeit » Kontrollverlust Mash-Up | Phase zwei. Says:

    [...] Kontrollverlust Mash-Up | Phase eins   [...]

  8. neue bodenständigkeit » Kontrollverlust Mash-Up | Phase drei. Says:

    [...] Bitte hier weiterlesen, dann wird das auch komplett: Kontrollverlust Mash-Up | alle Phasen [...]

  9. Says:

    [...] 1. Kontrollverlust Mash-Up (Phase eins) Medium: MP3 Link: MP3 [...]

  10. Richel hat gelesen. Says:

    [...] 1. Kontrollverlust Mash-Up (Phase eins) Medium: MP3 Link: MP3 [...]

  11. Says:

    Wednesday night houston

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