Gehen am Taktstock.

Juni 15th, 2007

Ich habe mir In-Ear-Kopfhörer gekauft. Ich sperre mich aus. Wenn ich laufe, höre ich weder die Stadt, noch meine Ideen. Ich höre nur noch den Text. Von der Agentur fahre ich fünf S-Bahn Stationen nach Hause. 20 Minuten. Fünf Kilometer Luftweg, von der einen Insel zur anderen. Zwischendrin nur diese fünf Stationen. Normalerweise. Manchmal und immer öfter laufe ich jetzt diesen Weg. Von Kreuzberg, über Prenzlberg, nach Mitte. 45 Minuten. Nur für den Text. Und alles andere hat Feierabend. Dann freue ich mich über den langen Seeweg zur Insel.

Jetzt wo sich Arbeit und Hobby, Spaß am Beruf und Identifikation miteinander vermischen, es keine Trennlinien mehr gibt, dass alles ist, was mich ausmacht und ausfüllt, was mich befriedigt, dann wenn meine Freunde und mein Umfeld genauso fühlen und denken, werden Wege wichtiger.

Dann bin ich sogar vor mir selbst allein. Und verdammt, es geht mir gut dabei.

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Mathias Richel



Ein Drittel Bier

Mai 6th, 2007

Die besten Cocktails der Stadt, das sagt sich so leicht. Ich schmecke Frucht, herbe Frucht. Der Alkohol wirkt später.

Von den beiden Frauen, die hereinkommen, hat eine einen Koffer dabei. Ich mache einen Witz über Bomben. Ich glaube, sie hören es nicht, aber sie gehen trotzdem nach hinten.

Ein Mann setzt sich neben uns an die Bar. Trotz der besten Cocktails sagt er: “One beer, please.” Münchner Bier gibt es hier nicht, aber das ist ihm egal. Er trägt einen Anzug und einen teuren Millimeterhaarschnitt. Geschäftsmann: Zwei Straßen weiter ist das Hilton. Er trinkt den Schaum und ein Drittel das Bieres.

Meine Begleitung sagt mir: “Sprich ihn nicht an.”

Tue ich nicht, statt dessen klingelt das Handy des Geschäftsmannes. Er antwortet in einer kehligen Sprache, die ich noch nie gehört habe. Ich trinke den letzten Schluck meines Cocktails. Mit meiner Begleitung spreche ich über Frauen. Der Barkeeper mixt mir “eine Überraschung”. Als ich wieder zum Geschäftsmann sehen will, ist er weg. Zwei Drittel seines Bieres sind immer noch da.

Jürgen Albertsen



Die natürliche Belastungsgrenze von Glashäusern.

April 15th, 2007

Mein Gott, mir wird jetzt erst klar, wie sehr ich das vermisst hatte. Zurzeit bin ich schneller wach, als mein Handywecker. Wenn das Ding zum Aufstehen vibriert, tut es das schon an meinem Schenkel in meiner Hosentasche. Ich folge nur noch meinem Biorhythmus. Sonne im Zimmer, Licht im Auge. Frühling, wir sind Brüder. Sonnenrevolution, ich bin dein williger Soldat! Ich fühle mich Guru Plenty. Gerade hat sich mein Leben verändert. Grundlegend.

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Mathias Richel



Wabern

Februar 28th, 2007

Lange Zeit träumte ich davon, eine Geschichte zu schreiben, in dem das Wort „wabern“ vorkommt. So etwas über verrauchte, nebelige Luft in einem Club, wo Wasser von der Decke tropft, die Mädchen würden schwitzen und sich Strähnen aus dem Gesicht streichen und die Jungs hätten muskulöse Oberarme. Der DJ würde sich feiern lassen wie Sven Väth damals im Omen, alle würden mit Händen und Füßen wackeln und die Beats magenerschütternd pochen. Ich würde popkulturell über Technobeats reden und über dieses süßliche Rauch-Nebel-Gemisch, das die Protagonisten umgäbe. In dem Satz käme dann „wabern“ vor: „Schwere, schwangere Luft wabert durch den Raum und Strobo-Blitze zacken durch die Club-Atmo.“ So was halt.

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Bandini



Morgens

Februar 21st, 2007

Es wird hell und ich kann kaum mehr klar sehen. Meine Unterhose hängt raus, die Schminke ist verschmiert und meine Füße sind schwarz vom Disko-Schmutz. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen, meine Augen brennen, mir ist alles egal. Die Uhrzeit, wie ich nachhause komme, und wo ich bin, ich weiß es nicht.
Nichts mehr zu trinken. Ich stehe auf, schiebe mich an den Anderen vorbei und suche nach einem Glas, in dem noch was drin ist.
Irgendein Typ spricht mich an. Ich finde ihn nach dem ersten Satz langweilig und lasse mich einladen. Wir unterhalten uns kurz, weil er bezahlt hat. Daniel ist, Projektmanager, seit zwei Jahren in der Stadt und findet die Musik war letzten Donnerstag besser als heute. Ich gehe.

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Laura



Home is where…?

Februar 14th, 2007

Der Bass ist so traurig in dieser Freitagnacht, dass er im Elektro endet und nur noch Whooomph- Whooomph- Whooomph- Whooomph- Whooomph- Whooomph- Whooomph- Whooomph von sich gibt wie eine kleine Lady, die in ihrer Trauer an der Bar im Alkohol endet und nur noch „Hach. Hach. Hach!“ seufzen kann.

Die Tage werden heller… aber davon bekomme ich gar nichts mit. Abends wir es noch immer zu schnell zu dunkel und die Tage schleppen sich dahin, Stund um Stund, und es scheint mit jedem Müßiggang des Sekundenzeigers von Tick nach Tack wird alles ein bisschen trauriger. Sogar der Bass.

Fühle mich heimatlos.
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Peh



Schlechte Partynächte (aka Schlechte-Partie-Nächte)

Februar 8th, 2007

Ich geh nie auf Party um aufzureißen. Ich hasse das. Gehe dorthin wegen der Party, oder wegen Freunden, oder weil mich jemand einlädt.
Schlechte Party No. 1. Es ist 3 Uhr, als ich gehe. In Begleitung von Micha, 20, so jung, sehr süß, unheimlich redselig. Thomas, 25, ziemlich attraktiv, ziemlich charmant, schaut verwirrt, aber nach 3 Stunden an der Bar rumhängen und ihm beim Jacken aufhängen zuschauen, what a date!, habe ich die Lust verloren.
Weiß auch gar nicht, ob ich überhaupt Lust auf ihn habe. So wirklich. Also so, wie man Lust auf jemanden hat, den man wirklich will. Egal wie hoch der Preis ist. Herz. Blut.
Vielleicht gehe ich deshalb auch endlich, weil ich nicht weiß, wann es kribbeln soll, wenn nicht jetzt. Jetzt fällt mir nur auf, dass er dreckige Fingernägel hat. Und wenn da ein potentieller Partner vor einem steht, da denkt man immer an Sex, wenigstens, ob man sich das vorstellen könnte, aber Sex und dreckige Fingernägel: Yeeechh! Nee. Da will ich ganz schnell weg.

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Peh



Die Lange Nacht der Museen oder wie mir Arte ein wenig zu nahe kam.

Dezember 29th, 2006

Die Museumsinsel sieht aus wie eine Olympiaeröffnung. Goebbelsche Lichtsäulen schießen in den Himmel und scheinen den Rest der Welt zu bedeuten: “Berlin, hurra, wir leben noch!”

Von irgendwoher hört man digital erzeugtes Vogelgezwitscher. Bildende Kunst.

Die Lange Nacht der Museen. Wir beide mittendrin, am und im Checkpoint Charlie. Touristen gucken. Hier sieht man sie alle: Schulklassen, Zonen-Gabis, Besser-Wessis, IM Christians, James Bonds und natürlich die vier Alliierten in Form von meist gutbeleibten Erlebnisspannern und anstatt mit AK-47 oder M-16, bewaffnet mit Nikon, Sony oder Fuji auf mindestens vier Millionen Pixel.

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Mathias Richel



Eine Straße, zwei Welten - Sozialporno vier.

Dezember 18th, 2006

Jeden Morgen 9.30 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Büro. Vorbei an den sanierten Fassaden in Mitte, quer über den Hackeschen Markt, rein in den Bäcker meines Vertrauens, Baguette geschnappt und »Coffee to go« in der Hand. Die Ladenzeilen mit den teuren Klamotten, Handtaschen und Designerhaushaltsnippes fliegen nur so an mir vorüber. Ich überhole Passanten und noch eiligere überholen mich. Die Arbeit ruft, keine Zeit für Blicke nach rechts und links.
Jürgen steht immer bei diesem Bäcker, aber er nimmt sich Zeit. Manchmal steht er hier drei, vier Stunden am Stück, oft schon ab 7 Uhr früh. Er schaut sich die Menschen an, die vorbeikommen und hofft auf ein gutes Geschäft. Jürgen ist Einzelunternehmer. Eine Pause gönnt er sich nicht, Gelegenheit für einen Kaffee bleibt selten. Unruhig wippt er von einem Fuß auf den anderen, es ist kalt geworden. Jürgen ärgert sich, die Geschäfte laufen nicht.

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Mathias Richel



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