Ein halber Rentner, ein ganzer Kerl und der kleine Spinner
Zum ersten Mal werde ich der Dreißig näher sein, als der Zwanzig. Das ist ja kein Alter, sagt mein immer älteres Umfeld zu Recht. Das ist verdammt alt, sagt mein jüngeres Infield zu Recht. Und ich: Ich sehe keinen Unterschied - zu wann eigentlich? Natürlich bin ich nicht mehr der kleine Junge, der mit seiner Schultüte und einem bordeaux gefärbten Cordanzug auszog um den Einzug in den Schulalltag zu wagen, natürlich bin ich nicht mehr der vierzehnjährige Rebell, der auf seiner Jugendweihe nur ein einziges Mal am Sektglas nippt und ich bin sicher nicht mehr der 19jährige Allesbesserwisser, der noch beim überreichen lassen seines Abitur, dem Rektor seiner Schule die eigene Meinung geigt. Jugendlicher Leichtsinn. Naiv auch.
Aber ich bin immer noch der, der sich ein Nivea-Deo vor das Gesicht hält und so tut, als würde er irgendwann auf den Bühnen dieser Welt, die nicht zu knapp zahlende Croud rocken, um dann zwischen den ganzen Sexorgien mit den Groupies, Interviews für die Spex, Die Zeit oder irgendein anderes Hirnschmalzblatt zu geben. Aber bloß nichts für Springer, ist klar. Meine Meinung wäre gefragt und ich würde sie sagen, denn sie müsste gelten. Und daran arbeite ich wirklich.
Ein paar Sachen haben sich verändert: Sex in Quantität Routine, Wichsen unnötig, eigenes Geld auf dem Konto, Versicherungsrechnungen, überhaupt Rechnungen, die meinen Namen tragen und Mahnungen, deren Last ich wiederum auf meinem Namen trage. Ich führe mittlerweile zwei Konten. Ich treffe mich mit meiner Anlagenberaterin zu einem telefonisch vereinbarten Gespräch. Ich rufe sie an.
Ich kaufe auf dem Wochenmarkt ein. Ich achte auf meine Ernährung. Nie wieder Ketchupnudeln.
Aber ich möchte immer noch jedem Nazi auf die Schnauze hauen und versteinere immer noch reflexartig mein Gesicht, wenn ich ein Sixpack an mir vorbei fahren sehe. Langsam. Ich kiffe noch – manchmal. Kann aber immer noch nicht linksrum drehen. Ich trinke kaum noch Alkohol. Meine Schuhe sind immer noch bei den „Sneakers“ zu finden, nur mein Parfum ist von D&G. Ich habe Bartwuchs und aus 50 Bekannten wurden vielleicht vier oder fünf echte Freunde. Jetzt füge ich Kontakte zu. Ich stehe immer noch einfach vom Frühstückstisch auf und laufe beim telefonieren durch die Gegend. Ich bleibe Zappelphilipp. Kindern gibt man heute Medikamente dagegen. Ich war ein einziges Mal bei einer Schulpsychologin, zusammen mit meiner Mutter. Ich glaube, meine Lehrerin kam nicht mehr klar mit mir. Zu laut, zu schnell, zu kreativ, zu rechthaberisch, zu antiautoritär. Ich sitze bei dieser Therapeutin und bin der Traumschüler schlechthin. Und am Ende sagt die gute Frau, dass ich das hier gar nötig hätte und wahrscheinlich meine Lehrerin eins an der Waffel. Ich glaube, die Lehrerin ist mittlerweile tot.
Ich zocke noch gern Videospiele. Gern auch mit schießen. Ich liebe die Simpsons. Ich kenne immer noch die besten Beziehungstipps und weiß sonst auch vieles besser. Ich wähle jetzt aber Grün. Nicht der Umwelt wegen, sondern immer der Kapitalisierung nach. Das können die jetzt so, dass das in mein jugendliches Weltbild passt. Man siezt mich überall. Nur nicht in meinem Beruf. Da tut das penetrant keiner. Auch nervig, so wie siezen.
Ich meckere rum und rege mich auf, gehe aber nicht mehr demonstrieren. Ich lese die TAZ nicht mehr, aber dafür die Süddeutsche. Ich bin immer noch ein verdammt hübscher Typ, mit ein paar Aknenarben.
Ich sehe mich an und erkenne keinen Unterschied.
Februar 14th, 2007 at 23:05
Obwohl nicht ständig ein Mann in einem grauen Anorak und einer lumpigen Aktentasche vor der Tür steht, den Du nicht in Deine Wohnung lässt, meldest Du Dich nach Deinem nächsten Umzug freiwillig bei der GEZ an. Das Nivea Deo hast Du dann schon längst gegen Dove Pro Age getauscht und Deine Freunde sind längst alle schon das zweite mal geschieden. Irgendwann tauscht Du sogar Dein FAZ-Abo gegen Die Welt. Dann bist Du aber schon längst im Augustinum - und hast es bald geschafft. Herzlichen Glückwunsch!
Februar 15th, 2007 at 01:43
Danke für Deine Texte. Ich les sie nun schon seit jüngster Zeit, hab mich aber nie zu Wort gemeldet. Schluß damit!!!
Da denkt ich als junger Mann, die Gedanken die man so mit sich herumträgt seien einzigartig und sau individuell. Pustekuchen! Irgendwie doch beruhigend nicht alleine zu sein. Zum Glück spricht sie jemand aus!
Freu mich auf weiter Texte von Dir!
Februar 16th, 2007 at 02:47
Wirklich schöner Text. Musste doch an einigen Stellen sehr schmunzeln - das bist ganz genau Du!
Februar 21st, 2007 at 20:16
Oh mann, das Gefühl kenne ich, nur bin und war ich nie so selbstverliebt, aber ja mit 25 auf die 26 zugehend fühle ich mich exakt so, was zum Teufel soll sich geändert haben an mir?
Februar 21st, 2007 at 21:16
Wenn du dich genauso fühlst, warum bist du dann weniger selbstverliebt als ich? Weil du es nicht laut sagst, oder aufschreibst?
März 3rd, 2008 at 11:08
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März 3rd, 2008 at 11:11
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