Mit zwölf hat man noch Träume
Mit zwölf Jahren träumte ich davon, dass meine zukünftige Frau etwas Besonderes habe. Nicht so wie ich, ein seit Generationen Deutscher, ein Mittelstandskind, ein Kleinstadtjunge, ein durchschnittlicher Gymnasiast, ein passabler Läufer und Gelbgurtkaratega. Das Schicksal sollte mir eine Frau bescheren, von der ich im Freundeskreis sagen konnte, dass ihre Geschichte einmalig sei, dass ihre Herkunft fern und die Umstände mysteriös und unbekannt. Ich definierte einen maximalen Altersabstand von acht Jahren, denn vor meinem dreißigsten Lebensjahr wollte ich nicht heiraten. Zunächst noch etwas jung, aber die Zukunft bildete sich schon klar vor mir ab. Ich las die Zeitung und fragte mich bei der täglichen Lektüre, ob sie wohl das sei: Die einzige Überlebende des Unfalls im Nachbarort, ein weinendes Kind in der Reportage über Tschernobyl oder Seveso, vielleicht wäre sie mit einem Boot aus Vietnam oder Kambodscha geflohen und von einem nigerianischen Tanker aufgefischt worden, ihre Eltern hätten mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen können, ein Mädchen vielleicht mit Roma-schwedischen Wurzeln oder ihr Vater könnte doch Häuptling irgendwo in Afrika sein, vielleicht wäre sie auch eines der ersten Retortenbaby oder die Schönheitskönigin der unter 7-Jährigen in Grand Rapids, Michigan, oder sie stammte von den Kapverden, aus Tonga oder Trinidad, ihr Großvater könnte als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen hingerichtet oder ein adeliger Freiheitskämpfer sein, ein Soldat, der bei der Erstürmung am D-Day teilgenommen hätte, natürlich auf Seiten der Alliierten, wenigstens ein Industriellenkind in der vierten Generation oder ein Nachfahre von Thomas Mann. Als ich dreizehn wurde zog ein hübsches Mädchen ins Nachbarhaus. Sie wurde meine Freundin, denn sie war verfügbar. Bis dreißig war ja auch noch ziemlich lange hin.
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