Mit zwölf hat man noch Träume

Mai 30th, 2007

Mit zwölf Jahren träumte ich davon, dass meine zukünftige Frau etwas Besonderes habe. Nicht so wie ich, ein seit Generationen Deutscher, ein Mittelstandskind, ein Kleinstadtjunge, ein durchschnittlicher Gymnasiast, ein passabler Läufer und Gelbgurtkaratega. Das Schicksal sollte mir eine Frau bescheren, von der ich im Freundeskreis sagen konnte, dass ihre Geschichte einmalig sei, dass ihre Herkunft fern und die Umstände mysteriös und unbekannt. Ich definierte einen maximalen Altersabstand von acht Jahren, denn vor meinem dreißigsten Lebensjahr wollte ich nicht heiraten. Zunächst noch etwas jung, aber die Zukunft bildete sich schon klar vor mir ab. Ich las die Zeitung und fragte mich bei der täglichen Lektüre, ob sie wohl das sei: Die einzige Überlebende des Unfalls im Nachbarort, ein weinendes Kind in der Reportage über Tschernobyl oder Seveso, vielleicht wäre sie mit einem Boot aus Vietnam oder Kambodscha geflohen und von einem nigerianischen Tanker aufgefischt worden, ihre Eltern hätten mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen können, ein Mädchen vielleicht mit Roma-schwedischen Wurzeln oder ihr Vater könnte doch Häuptling irgendwo in Afrika sein, vielleicht wäre sie auch eines der ersten Retortenbaby oder die Schönheitskönigin der unter 7-Jährigen in Grand Rapids, Michigan, oder sie stammte von den Kapverden, aus Tonga oder Trinidad, ihr Großvater könnte als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen hingerichtet oder ein adeliger Freiheitskämpfer sein, ein Soldat, der bei der Erstürmung am D-Day teilgenommen hätte, natürlich auf Seiten der Alliierten, wenigstens ein Industriellenkind in der vierten Generation oder ein Nachfahre von Thomas Mann. Als ich dreizehn wurde zog ein hübsches Mädchen ins Nachbarhaus. Sie wurde meine Freundin, denn sie war verfügbar. Bis dreißig war ja auch noch ziemlich lange hin.

Bandini



Deep House in Diepholz

Mai 28th, 2007

Ich fahre nach all den Jahren wieder in diesen Ort. Die üblichen, hässlichen, kleinstädtischen Großmärkte, Tankstellen und Autohäuser, bekannte Namen und Zeichen empfangen mich. Das könnte jeder Ort sein, nicht nur der Ort, an dem ich das erste Mal liebte. Austauschbar, die schlimmste Vorstellung in der Liebe, auf die sich so viel konzentriert und die Liebe darüber vergisst. Der Ort, nach dem ich mich sehnte, der mir die bessere Kleinstadt in meinem jungen Leben schien. Mit Menschen ohne Dialekt, mit einer Landschaft ohne Berge, mit ihr. Auf dem Weg hierher fuhr ich durch Wälder und an Alleen entlang. Ich kannte sie nicht, für mich gab es hier nur Wiesen, nur Felder, plötzlich erscheint es mir wie Zuhause ohne Hügel.

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Bandini



Kill your idols!

Mai 28th, 2007

Es gab nur eine Stadt die es für mich unter dem Sternenbanner zu entdecken galt und bei ihr habe ich fast nur bekanntes gefunden. Die gleichen Menschen, die gleiche Musik, die gleichen Klamotten, die gleichen Cafés. sind überall gleich.

Und mein Berlin.

Mathias Richel



Wie ich mal einen Mord beging

Mai 27th, 2007

Als ich da saß und fragte
Ob ich, wenn ich zu einer bestimmten Zeit
An einem bestimmten Ort gewesen wäre
Eine fremde Hand in ihrem Haar gefunden hätte,
da schwieg sie nur und weinte.

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Paul Hofmann



Suppe

Mai 22nd, 2007

Kanya sieht ihn durch das Ausgabefenster. Er bestellt sich immer etwas Scharfes mit Reis. Er geht immer zum selben Tisch, meistens allein, als einziger schmutzig, als einziger mit einem Bier. Sicher ist er Arbeiter.

Die Gäste kommen in Schüben, und zwischen den Schüben kann man rauchen oder oder einfach nur dastehen und den Schweiß abwischen. Manchmal nimmt Kanya eine Schüssel und füllt sie voll mit Suppe, mit viel Gemüse und Fleisch. Sie stiehlt sich dann an dem strengen Max vorbei und raus in den Gästeraum. Sie geht zu dem Tisch des Arbeiters und stellt ihm die Suppe hin.

“Für dich.”

Sie wartet nicht darauf, dass er antwortet. Sie dreht sich um und eilt zurück in die Küche — bevor der strenge Max etwas sagt. Sie stellt sich wieder an den Herd und beobachtet den Arbeiter. Er hat sich auf die Suppe gestürzt. Zwischen zwei Löffeln versucht er, einen Blick durchs Ausgabefenster zu erhaschen.

Aber jetzt kommt schon der nächste Schub.

Jürgen Albertsen



Sie ist nur Augen

Mai 21st, 2007

Im kleinen Park gegenüber meines Hauses sitzen sie auf einer Bank und küssen einander. Der junge Mann lehnt sich ihr stürmisch 45 Grad entgegen, während sie annehmend zurück weicht. Sie sitzen zum See gewandt, abgewandt von meinem Weg. Er ist nur Hinterkopf, sie nur Augen. Groß und blau. Sie sieht mich und unterbricht ihre Handlung nicht. Dann schlägt sie die Augen nieder, ich lächle, sie schaut auf und nieder und entwindet sich ihm. “Nicht”, höre ich sie sagen, als ich passiere und lächelnd dem Sommer entgegen laufe.

Bandini



Am Scheideweg.

Mai 10th, 2007

Das sind Bauchschmerzen. Starke Schmerzen im Unterleib, wie sie nur von Bösartigkeit kommen können.

Ich weiß schon lange, dass es vorbei ist. Ich fühle es nicht nur, ich bin mir sicher. Ich weiß, wann es enden wird und das es dazu keine Alternative gibt. Kein: „Lass uns darüber reden!“, oder „Wir finden eine Lösung.“ Diese Lösung wird es nicht geben, denn das Ergebnis ist schon in Stein gemeißelt.

Nur du bist Ahnungslos. Du grüsst mich jeden Morgen und nimmst mich in deine Arme. In dem stillen Glauben, dass alles so ist wie immer. Ich bemühe mich, bin für dich da und freundlich. Du merkst den Unterschied nicht einmal. Vielleicht bin ich noch eine Spur netter, als sonst, nur damit du nicht merkst, dass etwas nicht stimmt.

Du malst dir Perspektiven über unsere gemeinsame Zukunft aus und erzählst permanent davon – ich nicke nur. Ich stimme dir nicht zu, aber ich gebe dir auch in keiner Weise das Gefühl, das ich anders denken könnte.

Ich mache dir etwas vor und es geht mir nicht gut dabei. Aber du hast mir auch so lange, so vieles versprochen und weniges hat dann so hingehauen. Für das meiste in unserer Beziehung musste ich mir den Arsch aufreißen, um es zu bekommen. Empathisch warst du selten.

Es ist besser so, denn so fühle ich mich besser. Vielleicht bin ich auch schon neu verliebt, vielleicht auch nur in die Idee, wieder selbst entscheiden zu können.

Wir hatten eine wunderbare Zeit gemeinsam. Lass es uns hier beenden, denn das ist ein Weg ohne Ziel. Wir könnten immer so weiter machen und wir würden uns nur enttäuschen. So macht das keinen Sinn und glücklich werden wird so keiner von uns beiden.

Du wirst einen anderen finden. Ihn lieben und schätzen lernen. Und vielleicht wirst du mich auch manchmal vermissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei mir anders ist.

Es war eine schöne Zeit!

Mathias Richel



80/20 und der lange Schwanz

Mai 6th, 2007

Als ich sie zur Tür herein kommen höre, knülle ich die Chipstüte zusammen und werfe sie hinter das Sofa. Dann steht sie auch schon in der Tür und wirft ihre Sporttasche vor den Kamin.

“Hallo Schatz”, sage ich zu ihr, küsse sie auf die Wange und schon liegt sie neben mir auf dem Sofa und legt die Füße hoch. “Na, kaputt, war’s schön?”
“Mega-anstrengend, Bauch, Beine, Po, ich kann weder sitzen noch stehen. Und mein Bauch tut weh.”
Sie schafft sich wieder hoch und läuft zum Kühlschrank rüber.
“Na, wenigstens ist es für was gut”, rufe ich ihr hinterher und überlege, ob sie das wohl falsch verstehen könnte. Aber sie hört mich nicht und kehrt mit einem Tetrapak Multivitaminsaft zurück.

“Mensch, Bandini, Du wolltest doch aufräumen!”
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Bandini



Ein Drittel Bier

Mai 6th, 2007

Die besten Cocktails der Stadt, das sagt sich so leicht. Ich schmecke Frucht, herbe Frucht. Der Alkohol wirkt später.

Von den beiden Frauen, die hereinkommen, hat eine einen Koffer dabei. Ich mache einen Witz über Bomben. Ich glaube, sie hören es nicht, aber sie gehen trotzdem nach hinten.

Ein Mann setzt sich neben uns an die Bar. Trotz der besten Cocktails sagt er: “One beer, please.” Münchner Bier gibt es hier nicht, aber das ist ihm egal. Er trägt einen Anzug und einen teuren Millimeterhaarschnitt. Geschäftsmann: Zwei Straßen weiter ist das Hilton. Er trinkt den Schaum und ein Drittel das Bieres.

Meine Begleitung sagt mir: “Sprich ihn nicht an.”

Tue ich nicht, statt dessen klingelt das Handy des Geschäftsmannes. Er antwortet in einer kehligen Sprache, die ich noch nie gehört habe. Ich trinke den letzten Schluck meines Cocktails. Mit meiner Begleitung spreche ich über Frauen. Der Barkeeper mixt mir “eine Überraschung”. Als ich wieder zum Geschäftsmann sehen will, ist er weg. Zwei Drittel seines Bieres sind immer noch da.

Jürgen Albertsen



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