Weekend is the new vacation. Neue Bodenständigkeit auf watchberlin.de

Die Motivation einer weitgehenden Beziehung.

Manchmal passen emotionale Querverbindungen nicht in die gängigen Beziehungsstrukturen wie sie von Kindesbeinen an, an die wissbegierigen Hoffnungen der Demoskopen herangetragen werden. „Moni mag Stefan“, sagt „Meine Fibel“ in der ersten Schulklasse. „Moni liebt Stefan“, sagt das Biologiebuch der sechsten Klasse. „Moni liebt Stefan sehr sehr“, zeigt die Bravo in der Siebten. In der Achten läuft als Handyabo „Moni nimmt Stefan hart“. Nach der Schule zeigt Geissen „Moni liebt Stefan und Thorsten und Silvia“. Im Annoncenteil steht später „Moni heiratet Stefan“. Auf dem Küchentisch irgendwann „Tschüss, Stefan“ und auf den Scheidungsunterlagen „Moni trennt sich von Stefan“. Auf dem Grabstein dann „Moni“ plus irgendein Nachname, den weder Moni noch Stefan bis dato auf dem Schirm hatten. Völlig normal. Passiert täglich. Mit wechselnden Namen und Geschlechtern, aber wer mit wem, das wie und wann – da gibt es immer einen Kausalzusammenhang.

Ein unbefriedigender Kreislauf im Konsens, mit vorbestimmtem Ausgang.
Die lebenslange Liebe halte ich für eine Illusion der Notwendigkeit, aus einer Zeit, als Monogamie noch überlebenswichtig war. Mann auf Jagd und Feld, Frau auf Feld und im Haus. Kinder in der Holzwiege. Das funktionierende Konzept der Kleinstgemeinschaft, der Familie. Nur abgelöst durch Patchwork. Ein Potpourri von Monis und Stefans und Thorsten und Silvias plus Kind, Kegel, Hund und Haus. Und irgendwann springt noch die Supernanny durch die Bude. Die Sparkasse macht Druck wegen den Hausraten und der Passat ist in fünf Jahren endlich abbezahlt. Klischee? Mit Sicherheit, aber dieses Klischee gibt es hunderttausendfach zwischen Frankfurt (Oder) und Freiburg, zwischen Hamburg und Nürnberg. Lebenslange Beständigkeit einer Beziehung ist heute vor allem in Bequemlichkeit und Gewohnheit verwurzelt. Liebe heißt Alltag. Anders wird es auch gar nicht gehen.

Und anders ist auch gar nicht gewollt.
Es ist auch ein wunderbares Gefühl der Vertrautheit, das unersetzbar ist.
Das ist echte Romantik. Verliebt sein kann man aber auch ein Leben lang. Dauerhaft verliebt ist man in Dinge, die man nicht bekommen kann.
Ich will deshalb für immer verliebt sein. Ich bin für immer verliebt.

Denn ich weiß, wie es geht:
Ich suche mir eine Frau, die ich nur in meinen Gedanken, an meiner Seite habe. Eine Frau, die es so nicht gibt. Oder wenn es sie gibt, ich niemals bekommen kann. Entweder zu reich, zu bekannt, zu weit weg, und oder: schon vergeben. Diese Beziehung wird ewig halten. Ich werde für immer dieses Kribbeln im Bauch spüren und wunderbar träumen. Ihr werdet mich nur noch lächeln sehen, da draußen auf den Berliner Straßen. Ich werde nur noch liebe Sachen denken und nie wieder nicht wissen, was ich sagen soll. Ich kann immer über meine Liebe schreiben. Über die wichtigste Liebe der Welt. Diese Liebe, die mich wahnsinnig macht, weil sie in einem undurchdringbaren Zustand schwebt, der nicht nach Auflösung ruft. Ich kann mich ganz in einer Illusion bewegen, weil ich niemals eine Beweisführung herleiten muss. Ich träume mich mit dieser Liebe ans Meer, an den Strand, in die Arme, ins Bett. Und nie, nie, niemals muss diese Liebe im Alltag bestehen. Diese Liebe ist dabei so ehrlich, wie Gefühle nur sein können. Dieser Zustand ist dann so real, dass ich nach diesem Ideal nicht mehr glücklich werden kann. Meine Realität scheitert dann am träumerischen Anspruch. Alltag, streiten, Eifersucht, Rituale – all das muss sich messen lassen mit meiner Traumfrau, die da draußen in der Welt ist. Der Alltag kann dagegen nur verlieren. Ich werde immer etwas vermissen, da draußen auf den Berliner Straßen.

Ich möchte die perfekte Frau und werde sie nicht erkennen, wenn sie vor mir steht. Weil ich ein Träumer bin. Und ein Idiot, der nur sein Glück im Ideal sieht. Nur was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, dass alles was meinem Ideal nicht entgegen kommt, für mich nur ein fauler Kompromiss zu sein scheint? Ich kann daran nur scheitern. Im Traum und am Alltag.

11 Responses to “Die Motivation einer weitgehenden Beziehung.”

  1. Bianka Says:

    Verdammt….

  2. Roblonzki Says:

    Geiler Text. Genau so gehts mir irgendwie, bloß bisher fühlte ich mich deswegen irgendwie schlecht. Nach dieser Lektüre sehe ich endlich das wunderbare in diesem Zustand - danke dafür. So, und jetzt träum ich mich noch mit meiner Traumfrau auf eine Runde in den Biergarten …

  3. U.R. Says:

    Dein hoher Anspruch ist toll. Aber es gibt sie wirklich, … die wahre Liebe im Leben (auch im Alltag)

  4. nubila Says:

    Ich habe den Text gelesen und musste weinen. Mir geht es gerade ähnlich. Das es die wahre Liebe im Leben gibt, glaube (hoffe) ich auch aber ich denke sie wartet nicht auf uns. Sie verlangt eine große Menge Mut und wir müssen einiges wagen und Kompromisse schließen, um sie zu bekommen und zu halten. Selbst dann wird sie vielleicht nicht immer unseren Vorstellungen entsprechen aber gibt sie nicht genügend Kraft, um darüber hinweg zu sehen?
    Ich möchte nichts mehr vermissen.

  5. Bianka Says:

    “…und musste weinen. ” …. sag ich ja ….

  6. Fetti Says:

    Nun sag mir mal was das schon wieder heißen soll?! So kenne ich Dich ja gar nicht! Früher warst Du nicht so wählerisch - und das ist noch milde ausgedrückt. Mein Dicker, Deine Historie in Sachen Beziehungen ließe sich, wäre sie je verfilmt worden, gut und gerne auf meiner lieblings-VHS “Das dreckige Dutzend” als Vorfilm unterbringen. Und keiner würde bemerken dass der Hauptfilm noch gar nicht angefangen hat….

  7. Mathias Richel Says:

    DAS tut weh. Ich habe nur die bekommen, die du nicht mehr wolltest. Oder die dich nicht mehr wollten. Das tat auch weh. Tut es noch.

  8. Fetti Says:

    Tut noch weh?! Hättest ruhig mal auf mich hören können, damals. Jetzt weißt Du warum ich immer gesagt habe: “Lieber ficken als gefickt werden!”

  9. Says:

    Ein selten guter Text zum Thema :)… Absolut lesenswert !!!!

  10. Says:

    Danke sehr.

  11. Says:

    [...] mir- auf der Neuen Bodenständigkeit Keine Tags vorhanden. Posted In: Eigenleben This entry was posted on Mittwoch, August 1st, [...]

Leave a Reply

Statistik