Oktober 16th, 2007
Ich fahre im Nahverkehrszug zu einem Kunden. Die Sekretärin eines anderen ruft an und versucht mit mir Präsentationsdetails zu besprechen, die ich längst aus meinem Gedächtnis gelöscht habe. “Ich rufe zurück”, beschwichtige ich sie, “in drei bis vier Stunden”. In der Zwischenzeit bin ich durch einige Abteile gelaufen und erfreue mich der frischen Luft. Beim ersten Abteil, bei dem eine Seite frei ist, lasse ich mich nieder.
Eine junge Frau sitzt mir gegenüber und tippt irgendetwas in ihren Laptop auf dem Schoß. Eine handschriftliche Mitschrift liegt neben ihr auf der Tasche. Collegeblock, eine Studentin, schätze ich. Ich entscheide mich gegen Laptop und Emails checken und für ein Buch. Nichts, bei dem ich den Umschlag ständig vorzeigen will, Fachbuch, Fachkürzel im Titel. Was ich immer noch besser finde, als jetzt plötzlich wieder Doris Lessing oder Julia Franck zu lesen.
Weiterlesen »
Bandini
Juni 10th, 2007
Sie sitzen an einem Cafétisch und reden ganz vertieft über Männer. Was der junge Kerl neulich am Kopierer sagte und wie die Nacht mit dem früheren Schulkameraden war. Nach fünfzehn Jahren war es eine Versuchung, ihn mal auszuprobieren und er hatte sicherlich in den fünfzehn Jahren nichts dazu gelernt. Astrid nennt den jungen Kerl ausdauernd, kann es aber nicht in Minuten beziffern. Renée würde gerne noch mehr erzählen, aber außer von dem auf der IAA wieder getroffenen Schulkameraden gibt es seit ihrem letzten Frauenabend nichts zu berichten.
Ein Mann tritt an den Tisch und die beiden schauen auf. Renée will ihn wegwinken, sie nimmt an, dass er Sternenbilder verkaufen oder die Zeitung von morgen verkaufen will. Jetzt geht es um Männergeschichten, er soll wegbleiben. Der Mann legt einen kleinen Zettel vor sie auf den Tisch und ein kleineres Herz aus blauem Plastik darauf. Astrid und Renée sehen sich peinlich berührt an. Renée schämt sich, dass sie ihn wegschicken wollte, dass sie rüde sein wollte und unhöflich. Ein Taubstummer, sie wollen nicht mehr zugeben, dass sie sich gestört fühlten.
Weiterlesen »
Bandini
Mai 30th, 2007
Mit zwölf Jahren träumte ich davon, dass meine zukünftige Frau etwas Besonderes habe. Nicht so wie ich, ein seit Generationen Deutscher, ein Mittelstandskind, ein Kleinstadtjunge, ein durchschnittlicher Gymnasiast, ein passabler Läufer und Gelbgurtkaratega. Das Schicksal sollte mir eine Frau bescheren, von der ich im Freundeskreis sagen konnte, dass ihre Geschichte einmalig sei, dass ihre Herkunft fern und die Umstände mysteriös und unbekannt. Ich definierte einen maximalen Altersabstand von acht Jahren, denn vor meinem dreißigsten Lebensjahr wollte ich nicht heiraten. Zunächst noch etwas jung, aber die Zukunft bildete sich schon klar vor mir ab. Ich las die Zeitung und fragte mich bei der täglichen Lektüre, ob sie wohl das sei: Die einzige Überlebende des Unfalls im Nachbarort, ein weinendes Kind in der Reportage über Tschernobyl oder Seveso, vielleicht wäre sie mit einem Boot aus Vietnam oder Kambodscha geflohen und von einem nigerianischen Tanker aufgefischt worden, ihre Eltern hätten mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen können, ein Mädchen vielleicht mit Roma-schwedischen Wurzeln oder ihr Vater könnte doch Häuptling irgendwo in Afrika sein, vielleicht wäre sie auch eines der ersten Retortenbaby oder die Schönheitskönigin der unter 7-Jährigen in Grand Rapids, Michigan, oder sie stammte von den Kapverden, aus Tonga oder Trinidad, ihr Großvater könnte als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen hingerichtet oder ein adeliger Freiheitskämpfer sein, ein Soldat, der bei der Erstürmung am D-Day teilgenommen hätte, natürlich auf Seiten der Alliierten, wenigstens ein Industriellenkind in der vierten Generation oder ein Nachfahre von Thomas Mann. Als ich dreizehn wurde zog ein hübsches Mädchen ins Nachbarhaus. Sie wurde meine Freundin, denn sie war verfügbar. Bis dreißig war ja auch noch ziemlich lange hin.
Bandini
Mai 28th, 2007
Ich fahre nach all den Jahren wieder in diesen Ort. Die üblichen, hässlichen, kleinstädtischen Großmärkte, Tankstellen und Autohäuser, bekannte Namen und Zeichen empfangen mich. Das könnte jeder Ort sein, nicht nur der Ort, an dem ich das erste Mal liebte. Austauschbar, die schlimmste Vorstellung in der Liebe, auf die sich so viel konzentriert und die Liebe darüber vergisst. Der Ort, nach dem ich mich sehnte, der mir die bessere Kleinstadt in meinem jungen Leben schien. Mit Menschen ohne Dialekt, mit einer Landschaft ohne Berge, mit ihr. Auf dem Weg hierher fuhr ich durch Wälder und an Alleen entlang. Ich kannte sie nicht, für mich gab es hier nur Wiesen, nur Felder, plötzlich erscheint es mir wie Zuhause ohne Hügel.
Weiterlesen »
Bandini
Mai 21st, 2007
Im kleinen Park gegenüber meines Hauses sitzen sie auf einer Bank und küssen einander. Der junge Mann lehnt sich ihr stürmisch 45 Grad entgegen, während sie annehmend zurück weicht. Sie sitzen zum See gewandt, abgewandt von meinem Weg. Er ist nur Hinterkopf, sie nur Augen. Groß und blau. Sie sieht mich und unterbricht ihre Handlung nicht. Dann schlägt sie die Augen nieder, ich lächle, sie schaut auf und nieder und entwindet sich ihm. “Nicht”, höre ich sie sagen, als ich passiere und lächelnd dem Sommer entgegen laufe.
Bandini
Mai 6th, 2007
Als ich sie zur Tür herein kommen höre, knülle ich die Chipstüte zusammen und werfe sie hinter das Sofa. Dann steht sie auch schon in der Tür und wirft ihre Sporttasche vor den Kamin.
“Hallo Schatz”, sage ich zu ihr, küsse sie auf die Wange und schon liegt sie neben mir auf dem Sofa und legt die Füße hoch. “Na, kaputt, war’s schön?”
“Mega-anstrengend, Bauch, Beine, Po, ich kann weder sitzen noch stehen. Und mein Bauch tut weh.”
Sie schafft sich wieder hoch und läuft zum Kühlschrank rüber.
“Na, wenigstens ist es für was gut”, rufe ich ihr hinterher und überlege, ob sie das wohl falsch verstehen könnte. Aber sie hört mich nicht und kehrt mit einem Tetrapak Multivitaminsaft zurück.
“Mensch, Bandini, Du wolltest doch aufräumen!”
Weiterlesen »
Bandini
April 22nd, 2007
Irgendwann stehe ich auf und hole mir was zu trinken. Raus aus dem Abteil, die Tür mit einem lauten Rums hinter mir geschlossen, der Pfeil mit Messer und Gabel zeigt nach links. Schlendernd schaue ich in das nächste Abteil und stocke. Zwillinge, junge Frauen, irgendwo am Anfang ihres Studiums sitzen einander auf den Gangplätzen gegenüber und schweigen. Mit ihnen teilen vier alte Frauen das Abteil, was die Attraktivität der beiden noch unterstreicht. Sie sind sehr schön, je länger ich sie betrachte, desto schöner finde ich sie. Rot-braun-haarig, die linke mit etwas längeren Haaren, die Rechte mit etwas ansprechenderen Klamotten. Die Linke trägt ein T-Shirt und eine kurze Jeansjacke. Die Rechte hingegen ein sommerlichen Kleidchen, mit Trägern so breit wie Geschenkband und schwarzen Punkten auf weißem Untergrund.
Weiterlesen »
Bandini
März 17th, 2007
Du kommst rein, gibst Deine Tasche und Deine Jacke ab. Fast zwei Stunden habt ihr angestanden, bis Euch die Bouncer durchwinkten. Du weißt, dass ihr heute an etwas besonderem teilnehmt, Du weißt, dass die Feuilletons morgen darüber schreiben werden. FAZ, Süddeutsche, andere. Ihr habt die ganze Zeit kaum etwas gesprochen, so aufgeregt wart ihr. Die ganze Zeit hast Du Dir warme Luft in die Hände geblasen und bist von einem Bein auf das andere gewippt. Du zahlst 15 Euro, dann stehst Du vor der Schleuse. Gemeinsam mit vier anderen, dabei Dein Freund Karl und zwei junge Frauen rückst Du in die Schleuse vor.
Weiterlesen »
Bandini
März 14th, 2007
Dann sitzt sie da auf dem Boden. Hart, gegossen, nach links geneigt. heißt es auf dem kleinen Schild. Bronze. Folkwang-Museum, ach, die steht hier ja immer. Der Kuss. Die Paare. Die Kauernde. Ein dicker Mann hockt sich vor sie. Er dreht den Kopf nach links und nach rechts und stützt sich mit den Händen ab. Er lehnt sich vor, als wolle er an ihr schnüffeln. Der Museumswächter schaut ihm zu und fragt sich, wann er eingreifen solle. Wie groß ist der Mindestabstand zwischen der Kauernden und dem Hockenden? Wenn er nach vorne fiele, er begrübe die Kauernde leicht unter sich. Die Kauernde auf unebenem Boden, leicht nach links gekippt, wirkt wackelig. Doch sie fällt nicht und der Hockende auch nicht. Ich schaue hinter dem Kuss verborgen zu ihm rüber und fürchte die zermalmende Wirkung seiner Masse. Wie hart ist Bronze, hart wie Marmor, hart wie Thyssen Stahl? Der Hockende aber bewegt sich in der tiefen Haltung eines Sumoringers langsam um die Kauernde herum, seine Hände benutzt er dabei wie Paddel. Seine Polyester-Unterbundhose spannt, die Masse seiner Oberschenkel will ausbrechen und dehnt die Nähte bis zum Anschlag. Seine Hose betont die Schamgegend und der Reißverschluss teilt Glied, Hoden und Fett zu zwei ordentlichen Wülsten. Die Kauernde präsentiert auch ihre Scham, ich habe sie mir angeschaut und darauf geachtet, wo ihre Weiblichkeit in die Unklarheit des bronzenen Untergrundes übergeht. Mir geht auf, plötzlich und stellenweise, ist der Hockende viel weiblicher als die Statue von Rodin.
Bandini
Aktuelle Kommentare