Szenen einer Nähe

Oktober 31st, 2006

Seltsam ineinander verknotet hängen wir auf dem Sofa. Niemals würde man auf diese Art bei IKEA ein Sitzmöbel testen. Im Fernsehen findet sich der Kanzler lobenswert. Sie döst. Immer, wenn sie schläft, lächelt sie wie ein Faultier nach vollbrachtem Tagwerk. Aber noch gibt es Lebenszeichen. Von Zeit zu Zeit werden Körperteile hingestreckt, die es nach einem genau beigebrachten Ritus zu streicheln gilt. Ich rieche an der Stelle im Nacken, wo die Kopfhaare zu Flausch werden, der in zarter Linie die Wirbelsäule hinunterhuscht. Ich erinnere mich daran, wie es war, diesen Geruch das erste Mal wahrzunehmen, als ich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads saß und ihr Haar vom Fahrtwind hochgehoben wurde.

Ich habe den Duft klüger konserviert als Grenouille. Ich merke an einem Zucken ihres Blasenmuskels, dass sie Pipi machen muss. Ich räume wortlos den Weg. Als sie wiederkommt, schimpfe ich über Schröder. Sie krault meinen Kopf und Schröder wird mir egal. Wir geben uns sinnbefreite Kosenamen. Hasenspaß. Schlumpfgefahr. Ich erfreue mich an ihrem fetten Po. Denn ihr Po: die architektonische Meisterleistung Gottes. Nie war so viel Rundheit auf einer so winzigen Fläche. Sie lächelt. Jetzt schläft sie.

Malte Welding



Kontrollverlust Mash-Up | Phase drei.

Oktober 30th, 2006

Robert zieht die Schreibtischschublade auf und schaut auf Julias geschriebene Bücher. Der Drehstuhl mit der bordeaux-farbenden Polsterung hat sich schon längst durchgesessen und unter seinen Arschbacken spürt er die Hartplastik. Möbel-Hübner, 69,- €, „Chefsessel Manhattan“ – ein erfüllter Wunsch zur Kommunion. Eine zeitlang ist Robert mit Aktenkoffer zur Schule gegangen, um erwachsener zu wirken. Mit richtiger Zahlenkombination und Stiftehaltevorrichtung im Deckel. Sein Vater war als ranghöchster Polizist im Dorf auch gewählter Unterbezirksvorsitzender der SPD in der Gemeinde. Lange bevor die Sozialdemokraten „uns verraten“ hätten, wie der Vater immer zu schimpfen pflegte.

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Mathias Richel



Konsument

Oktober 27th, 2006

Ich muss das haben, weil ich das brauche. Alles. ich muss das jetzt haben, ist halt so. Ich kann’s mir doch leisten, was kost die Welt? Leben - make my motherfuckin’ day! Klar, immer raus mit der Patte, weil’s sein muss. Und das muss sein. Neu. Ich brauche das neue iBook. Alter, ich muss das haben, das macht mich so individuell. Individuell immer geil. Halt anders. Den neuen iPod brauch’ ich auch. Die Kopfhörer sind auch geil, sehen auch geil aus, muss ich haben. Klang geht. Geht geiler. Aber neu.

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MC Winkel



1990/2

Oktober 26th, 2006

Hanni Klum war nicht dumm. Genauer gesagt: Sie war Klassenbeste. Und mit der gleichen Zielstrebigkeit, mit der sie gelernt hatte, die transitiven von den intransitiven Verben der französischen Sprache zu unterscheiden, machte sie sich an die Erforschung des männlichen Schwellkörpers. Ich war da nur hingenommenes Beiwerk. Hätte es Penisse bei Tengelmann gegeben, Hanni Klum hätte sich einen Zehnerpack gekauft, die Losegliedsammlung sortiert und die Essenzen der Männlichkeit nacheinander ausprobiert.Gab es aber nicht. Und Hanni Klum war Pragmatikerin.

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Malte Welding



Sex hörbar machen. “Search Single Sex & Satisfaction” als Karaoke.

Oktober 25th, 2006

Der Julian von liest in seinem vierten Podcast mein “Search Single Sex & Satisfaction”.

Zum auch hier hören:

[flash]http://neue-bodenstaendigkeit.podspot.de/files/cyphers-bu.de-podcast-04.mp3[/flash]

Mathias Richel



Ich war auf einer Party und Daniel Brühl war auch da. (2005)

Oktober 25th, 2006

Es sind die typischen Privatzusammenkünften, die man so schon kennt und auch gar nicht mehr anders erwartet. Eine Altbau-Wohnung auf der Schönhauser Allee. Ganz hohe Decken, ganz viel Stuck und noch ganz viel zu tun. Dielen schleifen, Fenster kitten, tapezieren und wahrscheinlich die Wände trocken legen. Aber warm ist es. Ohne Ofen, dafür mit ein paar 30ger Heizkörper. Riesenteile, weil Erdgeschoss. Christian hat Geburtstag. Christian ist mittlerweile ein alter Mann, zumindest sagt er das. Die Wölbungen der 30 zeichnen sich schon bedeutend schön am Horizont ab. Und er sieht noch viel älter aus. Die Haare lichten sich, deshalb hält er sie kurz. Eine Brille mit starkem dunklen Rand dominiert sein Gesicht und der Drei-Tage Bart wächst dort, seitdem ich ihn kenne. Ein Grundsympath.

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Mathias Richel



1990

Oktober 25th, 2006

Am Silvesterabend 1989 fasste ich einen gewichtigen Beschluss. Ich würde 1990 ficken. Richtig ficken. Nun hätte ich mir an jenem Abend auch vornehmen können, an den Olympischen Spielen 1994 im Bodenturnen teilzunehmen, es wäre nicht unwahrscheinlicher gewesen. Denn Frauen gab es in meiner Welt nicht. Nun gut, da waren die Mädchen aus meiner Klasse. Eine von ihnen hatte mir sogar schon einmal einen runtergeholt. Dreimal. Hanni Klum.

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Malte Welding



Undine geht. Und Recht hat sie.

Oktober 23rd, 2006

Professor Kropcek zitterte vor Erregung. “Und dann hat dieses junge Mädchen ihre Sachen gepackt, ist in den Zug eingestiegen und hat dann, am Ziel angekommen, den Isenheimer Altar gezeichnet.” Er sprach Isenheimer Altar aus wie ich Jessica Alba oder Mousse au Chocolat. Das ganze Bachmann-Seminar schwieg ergriffen.

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Malte Welding



Kontrollverlust Mash-Up | Phase zwei.

Oktober 21st, 2006

Julia steht an der Kasse. Die Frau in der Kassierbox schiebt nacheinander die Sachen rüber. Grundnahrungsmittel, denkt Julia bei sich. Irgendwie kauft sie keine Lust-Produkte mehr. Keine Schokolade, oder Gummibären. Keine Schokoschaumküsse, kein Kuchen. Die zahlreichen Molkereiprodukte tragen keine Sahnehaube, sondern sind einfach Erdbeerjoghurt, oder Natur pur mild. Die Flasche „Le Filou“, die ist immer dabei. Sie öffnet ihr kleines Lederportmonee und Robert lacht sie an. Sie beiden lachen sie an. Dieses kleine Schwarzweiß-Foto aus dem Zwei-Euro Automaten auf der Kastanienallee. „Verdammt, ich habe die Leberwurst vergessen!“ schimpft sie halblaut in sich hinein, aber gerade noch verständlich für die Kassiererin. Die hält kurz inne und schaut fragend in Julias Gesicht. „Nicht so schlimm.“ sagt Julia und packt etwas schneller, weil verlegen, das schon Gescannte in den Plastikbeutel.

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Mathias Richel



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