Sparflamme Schön: Weihnachtsgeld.

Morgen, 2. Teil: 13.30

Das Telefon klingelte. Mein fetter Dealer Spitz. Mein fetter Dealer Spitz war eine Ruhrgebietsnatur. Laut, pockennarbig, kumpelig. “Kollege!” schrie er in den Hörer. “Du wolltest doch nochmal die Unterlagen nachschauen!” Mein fetter Dealer Spitz war ungeheuer clever. Nie sagte er am Telefon “Gras”. Immer nur “Unterlagen”. Zehn Gramm Unterlagen gefällig? “Nee, hab ich doch schon”, näselte ich. Keine Taschentücher hier? Ich rotzte in mein T-Shirt. Kassandra schaute desillusioniert.

“Nee, echt jetzt. Der kleine Straf nervt voll. Du musst da mal nachschauen.” “Mhm tja.” Eine Strafrechthausarbeit korrigieren war in der Tagesgestaltung ursprünglich nicht vorgesehen. Aber erstes Kiffergebot (extended Version): “Tu dem Dealer einen Gefallen, wenn es sich ergibt, es könnte sich erweisen, dass die gute Tat in Naturalien belohnt wird.” Der Minimalmix geht so: “Tu alles, was ER sagt.”

“Na gut. Willst du vorbeikommen? So um drei?”

“Neenee, bin gerade in der Gegend. In fünf Minuten?”

“?Öpps?”

“Hau rein!” Und legte auf. Die Sau.

“Verfickte Kacke. Der fette Spitz will jetzt sofort vorbeikommen.” Ich stopfte mir hektisch ein weiteres Köpfchen und sog die Colaflasche leer. “Spinnst du? So wie es hier aussieht? Sag ab!” Ich hob hilflos die Arme. Es klingelte. “Du blöder Wixer!” Kassandra raffte ein paar Klamotten zusammen und dampfte gotteslästerlich fluchend ins Bad. Ich rief: “Einen Moment!” in die Gegensprechanlage, stopfte ein paar benutzte Gummis in eine der großen blauen Mülltüten, die herumstanden, wollte notdürftigst eine begehbare Wohnung herstellen - aber es war aussichtslos. Mein Hirnwasser sprudelte und zischte. Ich schaltete auf Demut und übergab mich dem spottenden Schicksal. Ich drückte den Einlasser und öffnete die Tür. Am Ende des Flures kamen zwei Bullen durch den Hauseingang. Hausdurchsuchung, Verhaftung, sozialer Aussatz, Analverkehr mit einer Türkengang, ein Leben mit Hepatitis. Im besten Fall. Ich trat einen Schritt auf den Flur und schob mich vor den Eingang.

“Guten Tag?” “Guten Tag, kennen Sie die die Leute, die neben Ihnen wohnen?” “Nein, nie gesehen.” “Da bellt die ganze Zeit ein Hund.”
Ein feste Burg ist unser Gott, ein feste Wehr und Waffen.
“Heute noch nicht.” Der Jüngere der beiden versuchte an mir vorbei zu lugen, aber ich machte mich breiter, als ich ohnehin schon war. “Hören Sie das etwa nicht?” Der Bulle log nicht. Wenn ich mein Hintergrundrauschen aus dem Innenohr presste, meine Sinne auf Klare Sicht stellte, dann war da was. In der Wohnung neben mir jaulte ein Hund, bellte, kläffte, schrie um sein Leben. “Jetzt, wo Sie’s sagen.” “Sehr witzig.” Der Altbulle war genervt. Ich wollte ihn nicht nerven, das am allerwenigsten. “Dann verhaften Sie jetzt den Hund?” Ich hasste mein Gehirn. “Ich mein, ich mein”, stotterte ich hinterher. “Also, was machen Sie denn jetzt?” “Wir werden wohl die Tür aufbrechen lassen.” Der Jungbulle musterte den Rotz auf meinem Shirt. Der Hund schien jetzt angefangen zu haben, sich die Pfoten aufzureißen in seinem Wahnsinn. Es war angenehmer gewesen, ihn ausgeblendet zu haben. Ich hörte Kassandra kotzen. Der Altbulle schien es auch gehört zu haben. Ich sagte: “Na dann.” Dann schob ich ein vages “Viel Glück” hinterher, wobei ich nicht sicher war, ob die zwei Glück benötigen würden, um eine Tür aufbrechen zu lassen. Es klingelte wieder. Wie im Tauben- und Blindenschlag hier.

10 Responses to “Morgen, 2. Teil: 13.30”

  1. Peter Says:

    Ein mögliches Gespräch zwischen Spitz und den Alt-Bullen wäre auch noch spannend…

  2. Prince Semiotik Says:

    Eine bulimische Kassandra, genial, wirklich genial - da kann der Rest der Generation Umhängetasche aber mal einpacken…

  3. JaCa Says:

    Was ist der Grund dafür, dass der typ auf sein Shirt und nicht auf den Boden spuckt? i dont get it..

  4. Malte Welding Says:

    er spuckt nicht, er putzt sich die nase.

  5. JaCa Says:

    haha. scheisse! Irgendwie habe ich im Verlaufe meiner Jugend rotzen mit spucken gleichgestellt. Verwirrende Sprachkulturen..

  6. faulix Says:

    hat der autor zur zeit viel spass mit drogen?
    auffallend viele texte wo rumopfern mehr oder weniger im mittelpunkt steht…

  7. Klaus Alles Says:

    …und Schiller war eine Glocke, als er das gleichnamige Gedicht schrieb?

  8. Malte Welding Says:

    @ klaus alles
    Darf ich das haben? Eine herrliche Waffe.

  9. VonFussiKeineAhnungAberMitredenWollen Says:

    Was heisst ‘rumopfern’? Voodoo-Kult?

  10. ob grün oder braun, hauptsache einen bauen » Luve-Me [dot] net Says:

    [...] inspiriert durch diesen post kam ich auf den gedanken mit welchen dealern ich mich in meinem leben schon rumschlagen musste/wollte. die dealer aus grauer vorzeit: kannte ich nie selbst, nur freunde/bekannte von mir kannten welche die welche kannten usw. irgendwie gab es trotzdem immer was. die traurige gestallt: war in unserer spätpubertären phase für unsere verhältnisse saumäßig saualt, geschätzt mitte zwanzig, keine arbeit (logo), stand immer erst mittags auf und seine singlebude sah aus wie bei einem messi, nur ohne die ganzen messi sachen drin. er war also höchstens ein bongmessi. bei ihm war es etwa wie in der rainbow wg, man konnte tags und nachts vorbeischauen und es waren immer irgendwelche leute da. leute die einfach abhingen, grad einen bauten oder ganz andere dinge mit ihren nasen taten die ich nicht getan habe. zweiteres und letzteres gilt natürlich für die rainbow wg absolut nicht, liebes bka. der leipziger aus der komune: genau da lebte er. er war aber eigentlich eine sie. passte nur besser in die überschrift, damit dem schnellen überflieger der zwischenüberschriften keine illusion geraubt wird. ihre bude war extrem alternativ, geschmückt mit den üblichen szenetypischen bob marley postern und teppichen an den wänden. warum hängen teppiche an wänden? auf jeden fall war sie sehr nett, hatte aber irgendwann einfach kein bock mehr zu “verticken”. der kollegendealer er kam eigentlich noch vor der leipzigerin ins spiel. seis drum. er war ein sehr interessanter menschentyp, den ich vorher noch nie so erlebt hatte. sehr sympathisch, egoistisch und mit einem touch herschsucht. auf jeden fall aber ein extremer manipulator. zwischenmenschlich auf jeden fall ein “alles begreifer”. unsere wege trennten sich nie wirklich. nur die geschäftlichen. immer nur braun statt grün war halt nicht mein ding. die studentischen dealer: gabs auch. dazu möchte ich mich aber nicht äußern. mittweida ist schließlich klein und hat trotzdem erstaunlich viele augen und ohren der “ist mir egal ob er dealer ist” dealer wer nix mehr konsumiert braucht keinen dealer. auch eine lösung oder? [...]

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