Konsument Szenen einer Nähe

Kontrollverlust Mash-Up | Phase drei.

Robert zieht die Schreibtischschublade auf und schaut auf Julias geschriebene Bücher. Der Drehstuhl mit der bordeaux-farbenden Polsterung hat sich schon längst durchgesessen und unter seinen Arschbacken spürt er die Hartplastik. Möbel-Hübner, 69,- €, „Chefsessel Manhattan“ – ein erfüllter Wunsch zur Kommunion. Eine zeitlang ist Robert mit Aktenkoffer zur Schule gegangen, um erwachsener zu wirken. Mit richtiger Zahlenkombination und Stiftehaltevorrichtung im Deckel. Sein Vater war als ranghöchster Polizist im Dorf auch gewählter Unterbezirksvorsitzender der SPD in der Gemeinde. Lange bevor die Sozialdemokraten „uns verraten“ hätten, wie der Vater immer zu schimpfen pflegte.

Er blieb konsequent links. Was in der niedersächsischen Provinz vor allem bedeutet: Alles bleibt so, wie es ist. Robert war treu auf parteipolitischer Linie. Jusos, Jusovorsitzender, Schülersprecher, Landesschülerrat und sogar einmal Deligierter bei einem Bundesparteitag. Da stand er kurz vor der Sekundarstufe zwei. Rote Karte, Grüne Karte, Arm hoch, Arm runter und Schröder gucken. Um den Hals hing ein rotes Bändchen und daran baumelte der Deligiertenausweis. Roberts Stimme war gefragt. Robert war wichtig. So fühlt sich also Draußen an. Und auf einmal wurde ihm klar, dass er sich gerade mit ganz großen Schritten in den Fußstapfen seines Erzeugers bewegte.

Wollte er das? Nein – soviel war ihm damals schon klar. Nie hatte er aufbegehrt, oder sich dem häuslichen Patriachiat seines Vaters entzogen. 17 Jahre alt und dabei so brav, wie ein Zwillings-Doppel bei „Dingsda“. Roberts Handlungsrahmen war eng gesteckt. Vor allem war er Sohn, eines Vaters mit Stellung. Je weiter man sich dem Dorf entfernte, desto mehr verschwamm diese Position, doch im Epizentrum, auf dem Dorfplatz, war sein Vater eine Macht. Alle schauten auf Robert, als Sohn, als Nachfolger, als Erbe. Nicht und niemals als Robert. Schnauze voll, der Enge, der kleinbürgerlichen Spießereinöde, des Drucks, der manchmal Nasenbluten provozierte.

Eines Tages tauchten auf der dunkelroten Friedhofsmauer Graffitis auf. Ungelenke Buchstabenkombinationen in Chrom und Hitzerot. Hier malte kein Profi, hier malte ein Getriebener. Kritzlich nervös, kein gerade Strich. Die Unsauberkeit eines vielleicht ersten Aerosol-Versuches. „STP“. Wer, oder was ist „STP“? „Vandalen, die man damals vergast hätte“ – die Opageneration fand schnell die altbewährten, allgemeingültigen Antworten, auf die vermeintliche Revolution. Sogar das „Tageblatt“ war da, mit einem Fotografen. Die Zeitung hatte den Lokalteil damit am nächsten Tag aufgemacht. „Friedhofschändung!“ stand in dicken Lettern über den Panoramafotos. Roberts Vater musste sich erklären, nur was sollte er sagen? Schon am nächsten Tag kam ein Reinigungswagen mit einem Hochdruckstrahl und beseitigte das Schandbild.
Der Frieden war wieder hergestellt. Zuhause wurde darüber nicht gesprochen. Robert wurde nicht verdächtigt. Nicht mal sein Vater fragte ihn, ob er wisse, wer das gewesen sein könnte? Robert kam in keiner Weise in Betracht. Robert war Sohn. Aber in ihm brodelte es. Soviel Aufmerksamkeit für ein Graffiti, diese Menge an Aufruhr, diese Dreistigkeit, dieses Zeichen einer verwahrlosten Urbanität mitten in der Provinz. Und Robert sollte daran überhaupt nicht partizipieren. Sein Dasein schloss seine Beteiligung schon aus.
Robert gefiel sich darin, sich selbst zu bedauern. „Denn klagen kann man nur, wenn man sieht“ befeuert er sich.
Seine Emanzipation konnte nur durch Abgrenzung geschehen - das war ihm klar. Die Existenz dieses Graffitis hatte ihm das bewiesen.
Er lies sich die Haare lang wachsen, suchte Kontakt zu den Kiffern. Schröder war plötzlich Kriegstreiber und die Bullen Mörder und Faschisten. Zumindest solange, wie Robert im Zimmer von Martin saß und schlechtes Homegrow-Gras rauchte. Martin hatte sich belesen und eine kleine Zuchtanlage in seinen Kleiderschrank geschraubt. Die Zuchtexperimente wiesen schon in der ersten Saison beachtliche Erfolge aus. Fast 300 Gramm zogen sie aus den Orange-Butt Samen aus dem Internetversandhandel. Fischköder hatten sie bestellt. Dabei verstanden sie soviel vom angeln, wie von Graffitis, oder eben Dope-Zucht. Fast zärtlich pflegten sie die kleinen, harzigen Errungenschaften des planzengewordenen Prinzipes von „Survival of the fittest“. Die ersten Rauchversuche sind rauchig, kratzig, unangenehm. Aber die beiden verwandelten sich danach schlagartig in die coolsten Jungs der Welt. Ihrer kleinen Welt vielleicht, aber verdammt cool eben. Im CD-Player drehten sich Spex, Main Concept und the Roots.
Die Philosophie wurde ganz groß geschrieben. Abwechselnd lasen sie sich Bukowski-Gedichte vor, oder fuhren sich Dutschke rein. Das reichte schon zum erwachsen werden. Der Vater realisierte das nie, nahm das Getue nicht für voll. „Sorg du erst einmal für dich selbst“ war seine mittlerweile pauschalisierte Beurteilung des Sohnemanns. Selbst in der für ihn größtmöglichen Auseinandersetzung mit sich selbst, oder seiner Umwelt, erfuhr Robert eine bedrückende Toleranz, die aber vor allen Dingen Ignoranz zu sein schien.
Sein Vater hatte mittlerweile eine neue Freundin. Die Verkäuferin aus der Kamps-Bäckerei vom Nachbarort. Am Anfang herrlich unverfänglich, entwickeln sich Amorösen mit zunehmenden Alter, immer schneller zu etwas Festem. Wahrscheinlich weil beide Partner denken, dass sie kaum mehr einen abkriegen, wenn sie nicht diese, vielleicht letzte, Chance nutzen. Das bringt also viele 40+ Singles in extremen Handlungsdruck. Da wird dann wie ein Stelzbock jeder läufigen Kuh nachgeröhrt. Robert war die Neue vollkommen egal. Sein Vater wirkte auf ihn mittlerweile wie ein Schwamm, der all das was Robert zu überwinden versuchte, in sich aufsog und eigentlich schon personifizierte.
Die Wut, über die eigene Lage, war bei Robert einer absolute Ablehnung und Ignoranz gegenüber seiner Umwelt gewichen. Er hatte sich ein T-Shirt bedrucken lassen, so eins welches man im Internet selbst gestalten konnte. „Stop The Pressure“ hat er sich groß und rot auf die Brust pflocken lassen. Den Zusammenhang konnte niemand herstellen. Julia ist der erste Mensch, der ihn versteht. Das sagt er ihr oft.

to be continued >>>

Bitte hier weiterlesen, dann wird das auch komplett: Kontrollverlust Mash-Up | alle Phasen

8 Responses to “Kontrollverlust Mash-Up | Phase drei.”

  1. name Says:

    und endlich die fortsetzung

  2. Mathias Richel Says:

    Das ist schon der dritte “Teil”. Phase 2 hier.

  3. mp_464 Says:

    die naechste ‘phase’ ist erreicht und damit wurde mir auch der start in den tag etwas verschoenert. danke!

  4. name Says:

    ja ich meinte ja auf den zweiten teil.

  5. MC Winkel Says:

    Nice one!

  6. Ralle Says:

    Großartig. Das verdient einen Literatur Novell(e) Preis.

  7. John Says:

    Wunderbar. Nur wann kommt der nächste Teil?

  8. Mathias Richel Says:

    Ich hoffe bald. Ich bin dran. …

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