Mathias Richel Worst Sex Ever

Label mich hundertdrei mal.

„Es ist einfach, sich über diese Menschen lustig zu machen“, denke ich und laufe einfach weiter. Wie sie dort sitzen in ihrer gewünschten Dekadenz, ausstaffiert mit den Insignien des urbanen Hypes. Ich schaue an mir herunter, während durch meine weißen Ohrstöpsel popkultureller Konsens dudelt. Das findet man nicht in den Charts, das hört man jetzt. Einfach so. Ein Magazin hat das geschrieben. Ich blättere um. Ich habe gehört, dass die gesamte Redaktion dieses Magazins gerade dorthin geschickt wurde, wo es keine Free-Samples und Gästelistenplätze gibt. Das Arbeitsamt macht nicht halt für Style. Spring auf, oder vergiss die Krankenversicherung. Dann lieber so. Andere Projekte warten schon morgen. Machen wir Kunst! Mein Blick bleibt an meiner Hose hängen. Es ist diese Marke, die durch verkokste Italiener vermarktet wird. Mein Denim-gewordener Traum. Ein G-Punkt mit tief genähten Taschen. „Ich mag das. Egal ob bei Frau oder Mann.“ Auf ihr Geschmack ist verlaß. Zumindest erwarte ich das. Nie habe ich sie schlecht gekleidet gesehen. Nur die neue Position zwingt sie in ein Business-Korsett. Meine weißen Sneaker bleiben weiß. Bürsten. Schuhe bürsten. Sonst nichts zu bürsten. Die Schuhe bleiben weiß. Sie haben nie Herzogenaurach gesehen, wahrscheinlich sind sie erst ganz kurz innerhalb deutscher Grenzen. Zu tausenden in Containern lieblos zusammen geworfen und hier in acrylweißen Auslagen fast dreistellig-preisig präsentiert. Dazu ein Lächeln und das warme Gefühl der Angepasstheit. Das steht in keinem Magazin, das trägt man jetzt so. Das T-Shirt hatte Stempel aus Barcelona auf dem Versandpaket und zwei Parteien, eine positive Bewertung mehr. 100%. Musterschüler. Was würde die Post eigentlich heute machen, ohne dieses dreizwoeins? Und warum schmecken geschnittene Apfelviertel immer besser, als der Biss in die volle Frucht? Es ist das Gefühl vom zuhause sein. Mama macht Würstchen warm und viertelt die Äpfel. Gute Nacht, schlaf gut. Ich knöpfe diese Army-Jacke zu, von diesem Label, das in Amerika nur die Bauarbeiter tragen. Dort wo es einen Zweck erfüllt. Mir fällt es leicht, mich über mich selbst lustig zu machen.

One Response to “Label mich hundertdrei mal.”

  1. neue bodenständigkeit » Label mich hundertdrei Mal - Ein Podcast. Says:

    [...] und hier noch einmal zum nachlesen. [...]

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