I.C.H.
Ich weiß es nicht. Wie lange noch? 15:30. O.K. noch dreieinhalb Stunden, dann nachhause, später noch Cookies vielleicht. Erst den Text über das neue Nokia N76 fertig machen, die schalten eine Anzeige. Spiegel-online RSS-Feed: In England fast Leute in die Luft gesprengt, Marokko Terrorwarnung, Islamabad kämpfen bis zum Tod, fit fürs Digitale Zeitalter. E-Mails checken. Es piept, R. schreibt auf Skype. Ich verstehe nicht, warum der nicht aufhört es zu probieren. Ich gehe eine rauchen.
>>hey, alles gut bei dir? später essen?
>>cheers. R.
Ich habe den auf irgendeiner Vernissage kennen gelernt. Seitdem Ficken wir manchmal. Es ist nicht so toll, aber ich mag ihn und manchmal habe ich abends sonst nichts vor.
>>ich muss arbeiten. morgen? ich ruf dich an.
>>cheers, i.c.h.
Ich habe keine Ahnung, was ich über dieses Scheißhandy schreiben soll. Dana schräg gegenüber spielt an den Fransen ihres Pali-Tuches rum und schielt dabei schlürfend über den Rand ihres Starbucks-Bechers auf den Bildschirm. Ihr weißes APC Jäckchen ist cool, was kostet das? Sie hört zu laut Klaxons, ich stecke die weißen Stöpsel ins Ohr, mein Handy vibriert. Meine Mutter, die fragen will, wann ich mal wieder runter fahre.
>>wie soll das denn gehen. du hast meine neue nummer doch gar nicht, morgen >>geht nicht. da bin ich mit der agentur weg. samstag wäre cool.
>>R.
Ich schreibe den ersten Satz und lösche ihn sofort: Handy ist nicht gleich Handy — für alle Fashionistas …
www.nokia.de Auf der Starseite eine streetartige Flashanimation, dahinter geht ein Livestreaming los. Drei Jungs, die aussehen wie Skaterpunks stehen vor einer Wand und sprühen darauf rum. Power is invisible until you provoke it. Dann lachen sie in die Kamera, man sieht das neue Nokia N76 und den Connecting People Claim.
>> ich weiß nicht. oh gott. das wird mir alles viel zu konkret. wollen wir nicht noch >>mal telefonieren? schick mal deine neue nummer.
>>und fick das kapital.
>>du bist ja süß. wo hast du denn das gelesen? ich würde ja gerne
>>abstrakt was mit dir essen gehen. aber noch bin ich zu sehr auf meinen >>körper angewiesen. also was jetzt. samstag 20:00?
>>ich weiß noch nicht wegen samstag. vergiss nicht. das mit uns wird nix. und >>das mit dem kapital-ficken habe ich nur geschrieben, weil es sich cool >>angehört hat.
>>cheers, I.C.H.
Ich werde nervös. Auf dem Bildschirm das immer noch blanke Word-Dokument. Ich gehe in die Küche, ziehe die vorletzte Marlboro aus dem Softpack und blase in Richtung Terry Richardson auf 2×3 an der weißen Altbauwand. Der Fernseher läuft, die Folge, in der Jonny Knoxville und so Eier mit Tomaten, in eine Pfanne kotzen und Omlette draus machen wird zum hundertsten Mal wiederholt. Hoch zu NTV, News: Massengrab in Kabul entdeckt, UN wollen Atomterror bekämpfen, Die Welt singt SOS, Blutiger Machtkampf in Pakistan. Es rauscht und ich verstehe GAR NICHTS. Warum verstehe ich denn nichts. Ich will, dass es aufhört, aufhören! Auf der Glasplatte des Tisches liegt Alles und springt mich an: Zeit, Spiegel, InStyle, FAZ, Style—Blätter, blättern: Interview, eine Vierzehnjährige zu ihrer Mutter: Ich würde ja auf eine Demo gehen, aber ich weiß nicht wogegen. JA doch! Ich lege meinen Kopf auf der Platte ab, meine linke Gesichtshälfte wird kalt, dreht sich und mich gucken zwei Augen mit getuschten Kränzen drum herum an, L’Oreal Volume Shocking. Mir ist schwindlig, schlecht, der Rauch beißt im Kopf, Aspirin Plus C, kurz Kotzreiz, Fenster auf! dann geht es. Scheiße, der Nokia Text, ich nehme den vergoldeten Anhänger meiner Halskette in den Mund und lutsche darauf rum (ein Knarre mit Swarowski-Steinchen drauf, Prada-Meinhof-Replik, Geschenk von einem Anzeigenpartner). … vielleicht fahre ich nach der Arbeit doch noch zu APC.
>>ich warte. bist du erschöpft? schreib.
>>ich bin nicht erschöpft.
>>ich werde nur durch meine arbeit von dir abgehalten.
>>aber: nur noch ein meeting, dann hab ich’s für heute.
>> oder möchtest du wissen, ob du mich erschöpfst?
>>R.
>> … r.r.r.
>>eigentlich stand bei mir schon der satz: “ich bin eben nicht so ein guter multi->>tasker.”
>>aber das klang zu wenig nach muskeln und zu viel nach pussy.
>>ich mag muskeln und du bist nicht schwul. du beißt dir wenigstens die zähne aus. und ich
>>muss dafür nicht mehr machen, als gar nichts. eine wand aus glas.
>>mich gibt
>>es nur in deinem kopf. eigentlich.
>>ich nehme einen edding und tagge dich voll
>>mach! vielleicht kann man dann was erkennen.
>>
>>es ist eklig. aber mich interessieren kinder in afrika nicht.
>>die im irak auch nicht. du fühlst dich wenigstens schwul, ich fühle gar nichts. >>ich muss
>>jetzt arbeiten.
>>wir könnten aufhören, immer nur
>>über unsere befindlichkeiten zu sprechen.
>>ich weiß nicht, worüber wir sonst reden sollten
>>ich auch nicht.
>>vielleicht reden wir schlau über sachen. so kino, fernsehen, bücher, kochen, >>kochbücher, restaurants, wein, politik, kunst, sport, kindererziehung.
>>dazu sollten wir weinverkostungen besuchen, kalifornien vielleicht, uns für >>oder gegen irgendetwas engagieren, klimawanel … oder globalisierung … eventuell beides?
Ich muss fertig werden. Julian, der Marketingleiter stellt sich neben mich: Wo bleibt der Nokia Text. Er zupft an einer blondierten Strähne seines frisierten Kopfes, streicht einen Fussel von seinem Patti-Smith T-Shirt und hopst von einem Nike-Dunk der Untold-Truth-Edition auf den anderen. Nokia hat zugesagt, dass sie neben der Anzeige auch noch unsere Party im dem Besetzerhaus sponsoren. The … spielen vielleicht, ist zwar noch nicht ganz confirmed—Sein Blackberry piepst—beeilst’ dich, Süße, gell?
>>würde dich mal gern auf koka erleben. nur um zu checken, was wirklich drin >>ist bei dir.
>>ich glaube, nichts. das ist ja es ja.
>>ich bin dann immer sehr nett und offen. das sind sonst nicht meine
>>stärken. deswegen habe ich mich schon öfter gefragt, ob drogen verändern >>oder enthemmen.
>>ich glaube, man ist dann einfach näher bei sich selbst.
>>I.C.H. habe nicht mehr zu bieten. i’m sorry. muss jetzt arbeiten. >>samstag wahrscheinlich. o.k.
>>ich habe gerade ich-achte-auf-meine-figur woche. kannst du das in deine >>restaurantwahl miteinbeziehen?
Ich deaktiviere Skype. Montiere aus dem Nokia Pressetext und ein paar Redaktionsphrasen 700 Wörter. Apfel C, Apfel V. Neue Mail; an: Copyeditor, Layouter in cc. Senden, Rauschen, los. Runter auf die enge Straße, die letzte Marlboro, Feuer, Einatmen. Autos, Abgase, Schilder, Zeichen, Matsch, Hupen, Ausweichen! Rechts ab zu APC, am Rosenthaler vorbei, über zwei Häuserfronten hängt das Nokia N76, links daneben fährt das verblasste rot des hingeschmierten Wortes Revolution an mir vorbei. Wo war jetzt noch mal das Problem? I.C.H. weiß es nicht.

Juli 17th, 2007 at 16:34
[...] I.C.H. von Antonia auf NEUE BODENSTÄNDIGKEIT Posted In: Fremdgehen This entry was posted on Dienstag, Juli 17th, 2007 at 16:34 and is filed under Fremdgehen. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site. [...]
Juli 18th, 2007 at 02:22
du magst den … schade.
sonst: gut.
ich
Juli 18th, 2007 at 13:59
[...] I.C.H. bei der neuen Bodenständigkeit [...]
Juli 18th, 2007 at 14:44
Lebe!
Juli 18th, 2007 at 14:53
Liebe!
Juli 26th, 2007 at 21:17
so etwas habe ich noch nie gelesen derjenige der so schreiben kann müsste den LiteraturNobelpreis bekommen!
eigentlich ist es nichts weiter als ein normaler alltag im leben von I.C.H aber ist es nicht genau das was uns bewegt ist es nicht das worauf es ankommt?
ich für meinen Teil finde diesen Text atemberauben wer so ein literarisches Talent besitzt ist ein meinen Augen ein Vorbild und ich glaube ich habe ein neues Vorbild Gefunden
August 4th, 2007 at 22:07
Geil!
August 11th, 2007 at 13:55
Den Text habe ich gern gelesen. Jeder Satz klingt anders. :)