Überall, nur nicht hier. Sloth

Hand und Schulter

Immer macht der Junge das. Das Mädchen lässt ja sogar ihre Arme hängen. Manchmal würde sie ihn gerne wegstoßen, aber soweit geht sie nicht. Sollte sie vielleicht, denn er legt nicht nur seine Hand auf ihr Schulter, sondern er zieht sie an sich. Egal wo, auf dem Weg durch die Fußgängerzone, im Café, auf seinem Zimmer sowieso und auch jetzt, im Biergarten.

Dabei sitzt seine Mutter sogar gegenüber.

Vielleicht gerade deshalb. “Seht her, sie gehört mir.” Und jetzt kann sie sich noch weniger wehren. Jetzt wäre sie vielleicht sogar froh, wenn sein Hand nur auf ihrer Schulter läge und nicht ihren Rücken hinabwanderte bis zu ihrer Hüfte. Er tastet nach dem Streifen nackter Haut, gleitet mit dem Daumen unter ihr T-Shirt, mit seinem kleinen Finger in den Bund ihrer Hose.

Die Mutter sagt: “Es ist so schön, euch so zu sehen.”

Das Mädchen greift zum Maßkrug und trinkt und trinkt. Der Junge schiebt ihr T-Shirt nach oben, seine ganze Hand liegt jetzt auf nackter Haut. Das Mädchen ist sicher, der Mann hinter ihnen starrt sie an. Sie lässt den Krug auf den Tisch zurück fallen. Das Geschirr scheppert. Sie sagt: “Nein.”

10 Responses to “Hand und Schulter”

  1. Trejorin Says:

    Interessante Beobachtung. Aber gemessen an der Kürze der Szene ist mir ein wenig zu viel Spekulation und Konjunktiv im Text. Auch scheint mir die Perspektive etwas unentschieden und durcheinander; also entweder neutraler Beobachter oder Innensicht des Mädchens, aber beides zugleich? Vielleicht könnte der Text sogar noch kürzer sein, um seine Wirkung voll zu entfalten.

  2. Jürgen Albertsen Says:

    Perpsektivenwechsel: Okay, verstehe ich. Aber was meinst du mit der Spekulation?

  3. SuMuze Says:

    @Trejorin:
    Ich kann keine uneindeutige Perspektive in dem Text erkennen. Und gerade die Möglichkeit zur Spekulation macht den Text sehr gut. Tja, und der Konjunktiv, ach, der macht doch immer alles erst erträglich…

    @ Jürgen Albertsen:
    Daß ich den Text sehr gut fand, steht ja schon oben. Sage ich aber gerne nochmal. Und nochmal! ;-)

    Das einzige, was mir nicht so zu passen scheint, ist das “Seht her, sie gehört mir.” Erstens kann sich das bis zu der Stelle jede Frau und fast jeder Mann selber denken, zweitens paßt es nicht zur Mutter, und drittens stört es die Kette Mutter:Nicht-Wehren-Können. Wenn, dann wäre es für meinen Geschmack eher am Anfang unterzubringen. Wenn überhaupt.

  4. burnttongue Says:

    Starker Text!

  5. wieviel werkzeug braucht der mensch? ;) » Blog Archive » handverlesen; keine lesung Says:

    [...] hand und schulter. [...]

  6. Kaspar Godeysen Says:

    Mir ist zuviel bedrängte, fliehende Frau und unsensibler, besitzheischender, sexuell aggressiver Mann darin. Zu viel sozialer Mainstream.

  7. Yetused Says:

    Danke für den Text.
    Das ist der alltägliche Sexismus, das Belästigtwerden durch den eigenen Freund. Das Ausgezogenwerden vor anderen Menschen. Das Betaschtwerden in der Öffentlichkeit, das Markiertwerden.

    Es passiert viel zu oft - und den meisten Mädchen, die später einmal zu Frauen werden, wird dieses “Nein” niemals über die Lippen kommen. Niemals.

    Dafür gibt es zu viele “Kaspar Godeysens”, die dieser Situation die allgemeine Realität absprechen.

  8. Dr. Yes Says:

    Starker Text!

    “Es passiert viel zu oft - und den meisten Mädchen, die später einmal zu Frauen werden, wird dieses ‘Nein’ niemals über die Lippen kommen. Niemals.”

    Das befürchte ich auch.

    “Dafür gibt es zu viele ‘Kaspar Godeysens’, die dieser Situation die allgemeine Realität absprechen.”

    Ich hatte den Eindruck, dass Herr Godeysen die Realität dieser Situation gar nicht in Abrede stellt. Auf mich wirkt es so, als ob sein Herummäkeln am Text eher geschmäcklerischer Natur ist - für einen weltläufigen Blogger wie KG ist eine solche Situation so was von “sozialer Mainstream”, dass er nicht noch ein weiteres Mal darüber lesen mag. ;-)

  9. Kaspar Godeysen Says:

    No, Dr. Yes. Es geht mir nicht um den sprachlichen Ausdruck oder um Geschmack. Ich will sagen, daß in diesem Text einmal mehr die stereotype, Anklage des Ewigen Waidwunden Rehs gegen den Bock als aggressives, unsensibles, besitzergreifendes Wesen zementiert werden soll. Borderline-Gewäsch, aber leider salon- und politikfähig.

  10. JOSEFINA20Walker Says:

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