Zwischenlandung
Ich habe eine Zwischenlandung in Pittsburgh. Einer dieser Siebziger-Jahre-Hubs, über den Passagiere über die USA und Nordamerika verteilt werden. Ich werde wie ein kleines DHL-Paket aus Frankfurt her- und nach Toronto weiter geworfen. Dazwischen lagere ich zwei Stunden zwischen. Wer niemals zwischengelandet ist, weiß nicht, was für eine grenzenlose Langeweile sich in diesen Flughäfen breit macht. Man kann ein wenig Duty-Free-Shoppen und neben anderen gelangweilten Langweilern herumlangweilen. Die letzten, noch ungelesenen und meist zu Recht noch ungelesenen Bücher lesen. Manchmal kaufe ich mir auch eines in diesen Zeitungsläden mit Schokolade und Last-Minute-Mitbringseln. Sie bleiben ebenfalls meist zu Recht ungelesen. Dazwischen hoffe ich zwischen all der Ödnis, dass die schönsten Mädchen im Burger-Restaurant in der gleichen Maschine zum Sitzen kommen wie ich selbst. Das passiert natürlich nie.
Ich bin mal wieder auf die letzte Sekunde aus dem Haus gestürzt, mit dem Taxi zum Flughafen und dort durchgeschüttelt auf durchgesessenen Rückbänken habe ich angefangen, die Reise zu planen. Einen Reiseführer durchgeblättert und weggesteckt. Und schließlich den alten Brief aus der Innentasche geholt und daran gerochen. Ob er nach fünfzehn Jahren noch nach Mädchenparfum riecht? 16,30 sagt der Fahrer zu mir. Am Anfang einer Urlaubsreise sollte man nicht sparen, denke ich, und gebe ihm einen Stimmt-so-Zwanziger. Außerdem roch der Brief noch nach Mädchenparfum.
Jetzt hole ich ihn wieder raus, Gate 29, Pittsburgh, zwischen zwei schlafenden Asiaten und einem betrunkenen GI. Soll ich sie anrufen? Wie alt war ich damals? 18, vielleicht 19. Und sie? Sie hatte mich belogen, sie war jünger als gedacht und möglicherweise hätte der Jugendschutz sich für uns interessiert. Sie beklagte sich nicht und hatte keinen Grund zu klagen, ihre Smileys, mit denen sie unterschieb, sehen stumpf und verloren aus. Ich gehe in einen Zeitungsladen, nehme mir eine Herald Tribune, schaue noch bei den Taschenbüchern vorbei und verlange eine Telefonkarte. Die kleinste Einheit. Mein gesamtes Geld für den Zwischenstopp ist weg, ich hungere und dürste für ein Telefonat. Der eingewanderte Verkäufer hat keine Ahnung, welche Telefonnummer Kanada hat. Ich staune, dass ich sie niemals angerufen habe, ich habe wirklich 15 Jahre lang nicht mit ihr geredet. Unvorstellbar, heute. Die mitwartenden und erwachten Asiaten erklären mir die Telefonnummerngemeinschaft Kanadas mit den USA.
Ich wähle ohne zu zögern.
“Hi, my name’s Bandini, may I talk to Susannah, please“
“You’re kidding? Bandini? It’s me, it’s Sue.”
Zwei Stunden später erreiche ich Toronto. Ich trete aus dem Gate heraus und halte Ausschau nach meiner Freundin Kerstin. Sie winkt mir zu, wir umarmen uns und ich freue mich, sie nach drei Monaten wieder zu sehen.
„Schön Dich zu sehen, Bandini, ich habe vorgearbeitet, ich habe also alle Zeit der Welt für Dich, wir können schon heute rumfahren und ich zeige Dir alles, ich zeige Dir Toronto.“
„Oh, wie schön, aber weißt Du, ich dachte, Du hattest ja gesagt, dass Du die ersten beiden Tage keine Zeit haben würdest, also kurz gesagt, ich bin heute Abend schon verabredet.“
„Bandini, Du bist der größte Schwerenöter, den ich kenne. Wie hast Du das denn nun wieder gemacht.“
„Ich habe mich nur erinnert. Mehr nicht.“
Mir fällt selbst der alte Spruch mit den Seemännern ein. Dabei war sie nur auf einem Austausch mit ihrem Orchester, damals in meinem Nachbarort. Sie spielte Horn, das gefiel mir.

Februar 7th, 2007 at 16:52
Und? Wie war es?
Februar 7th, 2007 at 17:02
Es war großartig. Sie sah großartig aus und hatte die lustigsten Geschichten. Unter anderem darüber, dass Madonna sie verwechselt hatte etc. Es war ein toller Abend. Als ich meiner Freundin am nächsten Morgen erzählte, in welchen Clubs ich am Abend vorher ohne Eintritt zu zahlen war, wurde sie grün vor Neid. Sie war da leider niemals reingekommen.
Februar 7th, 2007 at 20:34
wollt grad um forsetzung bitten…
Februar 8th, 2007 at 02:25
ich wollte auch grad um fortsetzung bitten, lustig.
wars auch romantisch? äh, na ja, etwas indiskrete frage …
Februar 8th, 2007 at 17:09
haha, das hatte mich auch interessiert…
Februar 8th, 2007 at 17:30
Ich schreibe vielleicht ein anderes Mal. Aber mal ehrlich, liebe Damen, das ist hier doch keine Soap.
Februar 8th, 2007 at 17:34
haha, das hatte mich auch interessiert… (klingt zwischenlandung jetzt nur für mich anders?)
Februar 8th, 2007 at 17:37
ups, sorry, coment nur halb losgedüst… ne, keine soap, da würd ich aber auch nicht um fortsetzung bitten!
Februar 9th, 2007 at 01:19
… und neben anderen gelangweilten Langweilern herumlangweilen.
Das trifft wohl auf viele Situationen zu. :)
Februar 20th, 2007 at 21:44
Bodenständig…
••• Nachdem mir letztens Madame Modeste eine Portion Heimweh verpasst hat, habe ich mich ja - wie im Beitrag angekündigt - durch die Blogrolls dieser sehr literarischen Community gehangelt und schliesslich den Überblick verloren, von wem ich zu…