Andrologische Feldstudien: Der Consultant Über uns reden

Striptease

Der Zahn der Zeit nagt nicht an einem, er schippt drauf. Am Ende muss man von seinem Leib in Euphemismen reden. Die es in jeder Sprache gibt: Poignets d’ Amour, Love-Handles, Hüftgold, Shiawase Butori (Dickheit des Glücks). Es ist erst 10 Jahre her, da verdiente ich Geld mit dem Entblößen meines Körpers. Heute muss ich das mit meinem ganzen Seelenleben machen und der Stundenlohn ist nicht annähernd vergleichbar.

Andrea, die Schwester meines Schulfreundes Michael Kuhn, veranstaltete einen Junggesellinnenabend. Eine Erfindung der 90er Jahre, wie auch ich eine Erfindung der 90er Jahre war. Meine Freunde und ich, wir waren Metrosexuelle Avant la Lettre. Wir fuhren zum Shoppen nach Köln, verbrachten mehr Zeit in Boutiquen als Kaufhausdetektive, gingen alle drei Wochen zum Friseur, solarierten, tunten unsere Körper fünf Mal wöchentlich und ölten uns ein mit Bodylotions, die die Namen von Designern trugen.

Für den Junggesellinnenabend wurde ein Stripper benötigt und da dachte Michael sofort an mich. Natürlich. 200 Mark, meinen Penis musste ich nicht zeigen, es wurde sogar darauf bestanden, dass ich davon absehe. Das hieß für mich, dass ich nicht nackter sein würde als am Strand. Leicht verdientes Geld. Allerdings war Hintern Vertragsbestandteil, das sagte mir meine Fernseherfahrung. In jenen Tagen wurden häufig die Chippendales gezeigt, so dass eine ungefähre Idee davon bestand, was erwartet wurde: String.

Selbst in meiner damaligen Vorstellungswelt war ein Stringtanga der Unterschichtler unter der Unterwäsche. Und ein String für Männer, das war Mantafahrer im Swingerclub. Mein Freund Ingo Klösges konnte mir aushelfen, was ihm merkwürdigerweise gar nicht peinlich war. Einer seiner Arschteiler war blauschwarz gestreift, der andere nur schwarz. Das Grauen.

Und mein Körper? Eine einzige Baustelle. Oder eher: Schwachstelle. Wie man auf dem Foto sehr schön erkennen kann, war die untere und seitliche Brustpartie nicht ausreichend definiert, der Sixpack war ein Double-, höchstens Fourpack, der Bizeps war in Ruhestellung nicht voluminös genug. Mein Trainer riet mir, mehr Masse aufzubauen, mein anderer Trainer sagte, ich müsse mehr im aeroben Bereich arbeiten. Ich würde unvollkommen vor eine Schar Hyänen treten müssen. Rettung kam durch einen dritten Trainer. Ich könnte den optischen Eindruck durch zwei Sofortmaßnahmen verbessern: Noch mehr solarieren und: epilieren. Das Brusthaar.

Man sagt, dass Frauen von der Natur mit einer größeren Schmerztoleranz gesegnet seien, um das Gebären lebend zu überstehen. Aber niemand kann mir erzählen, dass es ohne Morphium möglich ist, sich zu epilieren. Zunächst lieh ich mir ein monströses Gerät namens Epilady. Die Bedienungsanleitung versprach sanfte Haarentfernung. Die größte Lüge seit: Pyramiden ermöglichen ein Leben nach dem Tod. Ich setzte das Epiladymonster an. Bei Isaak, dem Sohn Abrahams, den Abraham zu opfern bereit war, um Gott seine Verehrung zu beweisen! Was für jenseitige Schmerzen. Ich setzte nochmal an. Kein Gewöhnungseffekt. Beim dritten Mal liefen die Tränen schon, als ich nur das Brummen hörte. Ich sah jetzt aus wie eine Labormaus. Eine andere Methode musste her. Jemand empfahl mir Wachsstreifen. Ich pflasterte meinen Oberkörper zu damit. Nichts Technisches, kein Gebrumme, die Streifen sahen harmlos aus. Weit gefehlt. Den ersten riss ich mit einem Ruck ab. Dann ging ich zu meiner Mama und ließ mir einen warmen Kakao machen. Mit warmen Wasser, Seife und viel Mutterliebe entfernte ich danach die Streifen. Die Haare aber waren noch dran.

Fortstrippen folgt

8 Responses to “Striptease”

  1. MC Winkel Says:

    Wem sagst Du das, Malsen.

    Also das mit dem Hüftmumps.

    Ich nehme mir das jedes Jahr auf’s Neue vor, aber es will einfach nicht klappen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich verbringe noch mehr Zeit vor dem Bildschirm und die Lovehandles sind inzwischen zu Loveanschnallgurten mutiert.
    Da ich am ganzen Körper so behaart bin wie Ulf Kirsten zwischen den Augenbrauen habe ich das mit dem Epilieren gar nicht erst ausprobiert. Aber Chapeau!

    Nur eine Sache:
    Natürlich ermöglichen Pyramiden ein Leben nach dem Tod. Meine Hütte läuft seit Menschengedenken von oben nach unten konisch zu und ich war früher immerhin schonmal Mohandas Karamchand Gandhi, Martin Luther King und Kim Schmitz - und das, obwohl der noch lebt.

  2. Mathias Richel Says:

    Kim Schmitz hat auch Hüftgold.
    Aber keine aktuellen Fotos.
    Das hat er dann widerum mit Maltes Foto hier gemein.
    Wie Foto?
    Ja richtig, Malte hat ein Foto hier hochgeladen.
    Dafür gibt es zwei Wochen Hausarrest und ein Bauchmuskeltraining bei Detlef D. Soost.
    Hoffentlich lernt er daraus.
    Schöner Text im übrigen. Ich strippe aber schon für´nen Zwannie.

  3. MC Winkel Says:

    Zwanno?
    Also ich muss dafür sogar immer noch bezahlen.

  4. Mathias Richel Says:

    Was ich verstehen kann.

  5. Leowee Says:

    Ich ROFLe. das ist schon mehr als der heutige Tag verträgt. Danke.

  6. Nessy Says:

    Wunderbarer Text - besonders in Kombination mit der Google-Anzeige im Rand “Dauerhafte Haarentfernung”. Stringtangas bei Männern sind der Oberabtörner, genauso wie die Chippendales. Es sind Charakter und Humor, die sexy machen, und das war auch schon in den 90ern so. Ich bin dankbar, dass mir ein Junggesellinnenabschied mit Strip erspart geblieben ist.

  7. Peh Says:

    hahaha! wunderbarer text!!! thx!

  8. sarahsnyder Says:

    göttlicher text- (warum sollten nur frauen sich quälen?) geht ans herz und macht sehr liebenswert…ach, noch was: der körper ist weiss gott nicht kriegsentscheidend- aber trotzdem sehr lecker…

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