#29
Wie sind die Dinge an der Küste? Bist du wieder einmal pleite?
Du hinterlässt keine Nachricht, nur deine Nummer im Display. Ich habe sie längst gelöscht. Auf einen Anruf kannst du lange warten.
Du mit deinen Puppenschuhen, deiner Panik vor Laufmaschen. Was machst du, wenn es stürmt? Erzähl mir nichts von Weite, erzähl mir nichts von Freiheit. Jemand wie du fährt zwanzig Kilometer zurück, wenn sie die Sonnenbrille vergessen hat.
Ja, ich brauche sie, die Stadt. Ja, ich will den Lärm.
Lass mich in Ruhe mit der Küste. Du willst doch nur mein Geld.
Jürgen Albertsen
An ihrer statt.
„Können wir bitte Delta Radio hören?“
Der Taxifahrer beschäftigte sich mit dem Finden des Senders während die Atmosphäre durch ihr beider Schweigen bestimmt war.
Sie nahm sich eine seiner Zigaretten aus der Mittelkonsole.
Weiterlesen »
Nordvest
Nackt
Schlaftrunken schäle ich mich aus dem großen weißen Bett. Es ist totenstill. Glücklich still in diesem Hotel. Ich kann über die Dächer der fremden Stadt sehen. Bis zum Hafen. Und über dem ganzen hängt ein bleigrauer Himmel, als hätte jemand meine Stimmung übers Land gebreitet. Ich fühle mich wohl in diesem Himmel, den Regenfetzen, die dazwischen hängen. Ich stehe kaum auf meinen Beinen, mit einem halbklaren Gedanken und kokettiere schon mit meinem Leiden.
Da ist natürlich zuerst der Gin, der noch in meinen Adern schwimmt. Generös eingeflösst vom Bartender meines Vertrauens in dieser Stadt. Mit hohen Volumenprozenten, jeder Schluck eine mondäne Geste. Das rede ich mir zumindest ein, als ich meine roten Augen im Spiegel mustere. Und mit dem Blick in meine Augen kommt auch schon die Erinnerung an das Gesicht, das ich jetzt gerne sehen würde. Und nicht kann.
Cicogna
namenstag
Wir nähern uns der Tür. Meine Hand leicht an ihrem Rücken. Ihn im Schlepptau. Er ist nett, aber jung und zu durchmischt im Kopf. Und in der Kleidung. Ich habe mir kurz überlegt, ob er mit soll. Aber wieso nicht? Er ist ein Freund von ihr. Lass es das Schicksal machen.
Denn ich kenne derzeit niemanden mehr an der Tür. Hasse es, anzurufen wegen Listungen „plus 1“. Aber lass uns einfach sehen. Die wichtigen Namen habe ich ja zum Fallenlassen.
Und da ist die Schlange vor der Tür. Ungeordnet, denn hier versteht jeder sofort, dass es keinen Automatismus gibt. Man steht und wartet auf Augenkontakt.
Ich ziehe sie sanft am Ellenbogen zu mir, rücke vor in den Raum. Den Mantel hat sie sich wohl geliehen, denn sie hatte Sommer erwartet bei mir. Er ist leicht zu groß, aber sie hat es geschickt kaschiert mit dem Seidentuch, über das lang ihre Haare fallen. Sie wirkt wie aus einem Bild. Schwarzweiß und etwas zu bohemien für ihr Alter. Großartig. Und wir scheinen zusammen. Lassen die anderen zurück, die die Schultern durchdrücken, um sich cool zu verkrampfen.
Und das sehen auch die, die es sollen, und nehmen uns auf. Auch ihn, den wir mitziehen, obwohl er hier nicht schwimmen kann. Ich sage, dass er zu uns gehört. Ruhig. Riskiere es. Und es wirkt.
Und dann sind wir innen. Werden aufgesaugt und es wird wärmer, denn ich kenne Leute. Werde begrüßt und öffne uns Wege. Und sie ist hinter mir, strahlt mich an und will meine Nähe. Die Beats hüllen uns ein und wir beginnen zu tanzen. Der Rest, die Verstrahlten, die zu sehr gestylten, zu tätowierten Typen, die zu dünnen kalten Models am Rande der Tanzfläche - sie alle verschwinden.
Wir vergessen sie. Es wird ein perfekter Abend werden. Ich werde ihn perfekt machen für sie. Ich flüstere ihr etwas ins Ohr, das sie strahlen läßt. Sie legt ihre Arme um meinen Nacken und drückt sich schwingend an mich. Liegt in meinen Augen. Wodkaselig.
Heute ist ihr Tag. Ihr Namenstag.

Aktuelle Kommentare