Februar 27th, 2007
Der Sommer war so kalt, dass Herr K. sich fragte, ob Gott gestorben sei. Hunde heulten am Tag, und ein zäher, aber fahriger Wind schlug Regen in Gesichter, an Verbotsschilder und auf Hände, die Schirme umgriffen wie Waffen. Zum dritten Mal holte Herr K. die Winterjacke, die er an milderen Tagen im Schrank verstaut hatte, wieder hinaus.
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Xochil
Februar 23rd, 2007
Wie erscheint man am Geschicktesten im Sozialamt? Jedenfalls nicht mit Hut. Ich verstaue das Ding im Rucksack. Zwei Stunden Aufnahmeprüfung in Zone 3, dann Beförderung in den zweiten Stock, Team 647 wird Sie freundlich begrüßen, Zimmer 216. An der Tür steht mein neuer Dienstgrad, »Barauszahlungen für Notfälle«, ich bin stolz auf meinen dramatischen Aufstieg. Was ist schon ein Sozialfall gegen einen Notfall? Weiterlesen »
Leowee
Februar 12th, 2007
Die Ringbahn fährt ein. Ich lasse mich in eine leere Vierersitzgruppe fallen. Die ganzen Schafsköpfe hier sind tatsächlich schon auf dem Weg zur Arbeit. Tränensäcke wo man nur schaut. Hier wird niemand vergessen, hier wird jeder an die Wertschöpfungskette gelegt, hier wird jeder frittiert, hier gibt’s die Wurst von Neukölln.
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Leowee
Februar 8th, 2007
Glüh nicht so gehässig! Ich spucke auf das Display. Die Spucke schäumt auf seiner Ausrede. Läuft ab an seinem verschissenen »sorry, babe«.
Ich lehne mich über die Brüstung. Unter mir atmet die Stadt. Saugt mir die Luft aus den Lungen.
Versetzt der Bastard mich auf meiner eigenen Vernissage! Chansons tänzeln durch die geöffneten Flügeltüren auf die Terrasse, trunken von Lachen. Die Kuppel der Synagoge verschwimmt vor meinen Augen.
Eine Wanne voll Gold für ein Herz aus Eis. Meine Seele für den Prinzen, der mich nicht in den Himmel hebt, um mir am höchsten Punkt die Flügel zu brechen. Der mich davonträgt auf Schwingen aus Eiskristall bis dass der Tod. Lieber Gott, bitte. Amen.
Ich stopfe die Lamettaperücke in meine Tasche, nehme mir ein Glas Champagner vom Tablett und verlasse den Saal durch die Hintertür.
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Leowee
Februar 4th, 2007
Junge Autoren küssen Mädchen auf Lesungen und treffen sich mit ihnen am nächsten Tag am gleichen Brunchbuffet. Junge Autoren schwärmen von den großen Texten in der Süddeutschen und finden Pop scheiße. Sie schreiben ihre Anti-Pop-Thesen in ihr Moleskine-Notizbüchlein mit ihrem Fallbleistift und speichern ihre Tiraden bei google ab. Junge Autoren müssen sich verweigern, dass liegt ja in der Natur des jungen Autors. Und verweigern heißt für den jungen Autor, dass er beobachtet.
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Mathias Richel
Dezember 21st, 2006
Ich werde alt. Und meine jugendlichen Nachbarn bringen mich um den Schlaf. Aber mit Anfang 20 war ich wohl auch so: in erster Linie alternativ. Das hieß damals: Freizeitstudentin mit vielen Semestern ohne Scheine, mit Kindergeld und ein paar Stunden in der Woche Nebenjob, (im besseren Fall Bafög, dann ohne Nebenjob, war bei mir nie der Fall, weil mir das Bafög-Amt nie glauben wollte, dass ich nicht weiß, wo mein Vater ist, oder im noch besseren Fall kommt das Geld von den Eltern weit weit weg), im Schlabberlook aus dem Second Hand Laden, täglich Zigaretten und Kaffee zum Frühstück, mit Freunden in der 1. eigenen Wohnung Zigaretten so viel man will selber drehen & billigen Rotwein aus dem Spätkauf trinken, hinter zugezogenen Gardinen chillen oder am PC die Nacht durchmachen mit ner kleinen Tüte zwischen den Fingern und nicht zu vergessen: laute Musik.
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Peh
Dezember 4th, 2006
Er ist ein degeneriertes Arschloch. Ein ignoranter Idiot ohne jedes empathische Vermögen. Ein egoistisches Schwein, mit soviel Verständnis für die Situation, wie Goethe für Kleist, nur ohne die Intelligenz eines Geheimrates. Er hat das Selbstvertrauen eines geschlagenen Hundes und überspielt es mit lautem Bellen. Wäre er ein Sportler, wäre er ein Punchingball. Er ist ein Couchpotato und das ohne Elan. Ein hängengebliebenes Stück Vergangenheit, ohne Plan für die Zukunft. Ein narzistischer Feigling, der das Selbstverliebte mit vermeintlicher Opferbereitschaft tarnt. Er ist so unverstanden. Dieses arme Stück Wurst.
Mathias Richel
November 10th, 2006
In Berlin hat sich ein Mann vor die S-Bahn geworfen.
137 Frauen und Männer kamen zu spät zur Arbeit.
57 Kinder kamen zu spät zur Schule oder in den Kindergarten.
4 von ihnen verpassten den Bus zum Wandertag.
64 Menschen kamen zu spät zu ihrem Termin mit dem Fallmanager.
6 Frauen und Männer verspäteten sich zu ihrem Vorstellungsgespräch.
2 Menschen kamen an ihrem ersten Arbeitstag zu spät.
9 Polizisten protokollierten alle wesentlichen Unfallmerkmale.
4 Rettungssanitäter und ein Notarzt versuchten ihr bestes.
2 Angestellte eines örtlichen Bestattungshauses arbeiteten mit dem Ergebnis.
1 Zugführer hat den restlichen Arbeitstag frei bekommen.
Alle nachfolgenden Züge verspäteten sich um 34 Minuten.
Danach wurde die Strecke wieder freigegeben.
In Berlin hat sich ein Mann vor die S-Bahn geworfen.
Die BVG entschuldigt sich bei allen Beteiligten für die Unannehmlichkeiten.
Mathias Richel
Oktober 13th, 2006
Was kann denn das Bier dafür, dass es jetzt an diesem Hals sitzt? Um 09.15 Uhr, in dieser S-Bahn. Was hat es getan, dass es für diesen Zustand bürgen muss? Was macht es schuldig, mit seinem braunem Glas und überladenden Etikett? Was hat es auf sich geladen, dass es jetzt hier in dieser Kehle herunter rinnen muss?
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Mathias Richel
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