Eine Frage der Perspektive

April 15th, 2007

Mit einem Schrei kam es auf die Welt. Seine Art war anpassungsfähiger als Ratten, räuberischer als Hyänen, gerissener als Füchse, für die Hetzjagd geeignet wie für den hinterhältigen Überfall.
Die hellhäutige Unterart, der es angehörte, galt als besonders aggressiv. Es war ein Männchen. Bereit, sich die Erde untertan zu machen.
„3500 Gramm, 52 Zentimeter“, riefen meine Eltern bei der Rückkehr aus dem Krankenhaus fröhlich unseren Nachbarn zu.

Malte Welding



Maxim Biller über “Liebe heute”

März 21st, 2007

Was ist die Intention des Autors? Dieser Frage mussten wir alle in ungezählten Deutsch-Klausuren nachgehen. Ob wir sie je richtig beantwortet haben? Hier haben wir die Gelegenheit, den Schriftsteller selber zu seinem Werk zu hören. Maxim Biller erklärt Georg Diez Liebe heute.

“Ich will nur erzählen, wie schön, wie tief, wie komplex so ein Moment zwischen zwei Menschen sein kann.”

Malte Welding



Heuschrecke

Februar 24th, 2007

Ich wachte auf und mein ganzes Atmungssystem, ja vielleicht sogar all meine Organe waren in eine Heuschrecke ausgelagert. Eine Reihe von Kabeln verband mich mit ihr. Sie war groß für eine Heuschrecke und klein für jemanden, der an meiner Stelle atmen sollte.
Sog ich Luft ein, hob sich ihr verhältnismäßig kleiner Brustkorb.
Lange würde das nicht gut gehen können. Wie lang lebt schon so eine Heuschrecke? Ich blätterte in meinem Neocortex. Vielleicht ein, zwei Jahre, es würde schwer werden sie durch den Winter zu bekommen. Ich musste einen Arzt finden, eine neue Lunge.
Ich trat auf die Straße, setzte mich in mein Auto. Das Kabel verhedderte sich in der Tür.
Und dann fuhr dieser Idiot in seinem seltsam getunten Auto meine Heuschrecke platt. Blutige Reste klebten an ihrem Ende des Kabels und mein Atem hörte auf.
Ich schnappte nach Luft, aber der befriedigende Sauerstoff erreichte mich nicht mehr.

Malte Welding



Mein erster Orgasmus, Teil 1

Februar 18th, 2007

Die ersten zehn Jahre meines Lebens war mein Penis mir nicht weiter aufgefallen.

Nun gut, als ich beispielsweise mit drei Jahren beim Nacktbaden an der Ostsee ein paar kleinere Mädchen sah, dachte ich, denen würde das Zipfelchen noch wachsen. Das nennt man wohl Penis-Großmut. Jeder sollte einen haben.
Und mein Vater stupste ihn beim Baden manchmal an und sagte: “Pillepillepille”, woraufhin ich vergnügt quiekte.
Er war also über die Jahre betrachtet nicht gänzlich bedeutungslos wie die Milz, von der ich bis heute nur aus dem Pschyrembel weiß, aber auch nicht so wichtig wie der Nagel meines dicken Zehs, der alle zwei Jahre einwuchs und mir Schmerzen bereitete.

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Malte Welding



Striptease

Dezember 11th, 2006

Der Zahn der Zeit nagt nicht an einem, er schippt drauf. Am Ende muss man von seinem Leib in Euphemismen reden. Die es in jeder Sprache gibt: Poignets d’ Amour, Love-Handles, Hüftgold, Shiawase Butori (Dickheit des Glücks). Es ist erst 10 Jahre her, da verdiente ich Geld mit dem Entblößen meines Körpers. Heute muss ich das mit meinem ganzen Seelenleben machen und der Stundenlohn ist nicht annähernd vergleichbar.

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Malte Welding



Morgen, 2. Teil: 13.30

November 29th, 2006

Das Telefon klingelte. Mein fetter Dealer Spitz. Mein fetter Dealer Spitz war eine Ruhrgebietsnatur. Laut, pockennarbig, kumpelig. “Kollege!” schrie er in den Hörer. “Du wolltest doch nochmal die Unterlagen nachschauen!” Mein fetter Dealer Spitz war ungeheuer clever. Nie sagte er am Telefon “Gras”. Immer nur “Unterlagen”. Zehn Gramm Unterlagen gefällig? “Nee, hab ich doch schon”, näselte ich. Keine Taschentücher hier? Ich rotzte in mein T-Shirt. Kassandra schaute desillusioniert.

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Malte Welding



Morgen

November 9th, 2006

Ich fühlte mich, als hätte jemand in meinem Körper geschlafen, der größer ist als ich. Ich schlug die Augen auf. Die ungefickte Nachbarin über mir saugte Staub. Ich dachte an meine Freundin Lene, deren Exfreund vor kurzem ihre Tür eingetreten und geschrien hatte: “Gib mir meine Materie zurück! Du hast sie mir rausgesaugt!” 16 Trips am Tag, Stunde um Stunde auf die Zunge gelegt, um die Trips und das beschissene Selbst langsam aufzulösen, hatten für dieses Gefühl von Materieverlust gesorgt. Wenig Materie, aber viel Körper. Stark war er. Und groß, fast zwei Meter. Ich schaute zur Tür. Alle meine Exfreundinnen waren deutlich kleiner als zwei Meter. Und von keiner besaß ich die Materie.

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Malte Welding



Verheiratet, zwei Kinder

November 9th, 2006

Wenn ich vor ein paar Jahren so einen verschenkten Tag wie heute gehabt hätte, hätte ich Brigitte wahrscheinlich quer durch die Wohnung gevögelt. Aber so ein Tür-auf-Sachen-runter-und-dann-rammeln-wie-die-Steinesel-Szenario würde dazu führen, dass Tabeha sich in zwanzig Jahren auf dem Bahnhofsstrich anbietet und Raphael ein homosexueller Kannibale wird. Wer will das schon? Also habe ich wieder angefangen zu onanieren. Verdammt, das ist doch was für Teenager. Das erklärt vielleicht, weshalb ich dabei immer an Teenager denke.

Malte Welding



Szenen einer Nähe

Oktober 31st, 2006

Seltsam ineinander verknotet hängen wir auf dem Sofa. Niemals würde man auf diese Art bei IKEA ein Sitzmöbel testen. Im Fernsehen findet sich der Kanzler lobenswert. Sie döst. Immer, wenn sie schläft, lächelt sie wie ein Faultier nach vollbrachtem Tagwerk. Aber noch gibt es Lebenszeichen. Von Zeit zu Zeit werden Körperteile hingestreckt, die es nach einem genau beigebrachten Ritus zu streicheln gilt. Ich rieche an der Stelle im Nacken, wo die Kopfhaare zu Flausch werden, der in zarter Linie die Wirbelsäule hinunterhuscht. Ich erinnere mich daran, wie es war, diesen Geruch das erste Mal wahrzunehmen, als ich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads saß und ihr Haar vom Fahrtwind hochgehoben wurde.

Ich habe den Duft klüger konserviert als Grenouille. Ich merke an einem Zucken ihres Blasenmuskels, dass sie Pipi machen muss. Ich räume wortlos den Weg. Als sie wiederkommt, schimpfe ich über Schröder. Sie krault meinen Kopf und Schröder wird mir egal. Wir geben uns sinnbefreite Kosenamen. Hasenspaß. Schlumpfgefahr. Ich erfreue mich an ihrem fetten Po. Denn ihr Po: die architektonische Meisterleistung Gottes. Nie war so viel Rundheit auf einer so winzigen Fläche. Sie lächelt. Jetzt schläft sie.

Malte Welding



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